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Deutschlandbesuch : Obamas Wissenslücke

  • -Aktualisiert am

Das Trauma seines Onkels: Präsident Obama am Memorial Day 2008 Bild: AP

Barack Obama hat einmal erzählt, sein Onkel habe zu den Soldaten gehört, die Auschwitz befreiten - ein peinlicher Fehler. Der Onkel war wohl ein Großonkel und nicht bei der Roten Armee. Nun besucht Obama die Gedenkstätte Buchenwald.

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          Alles begann mit einem peinlichen Fehler. Barack Obama, der seinerzeit noch mit Hillary Clinton um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten rang, sprach am Memorial Day 2008 über die Notwendigkeit, Soldaten auf posttraumatische Symptome zu untersuchen, und begründete dies mit seinem Onkel, der zu den amerikanischen Soldaten gehört haben soll, die Auschwitz befreiten.

          In seiner Familie erzähle man sich, der Onkel habe sich nach seiner Heimkehr ins Dachgeschoss zurückgezogen und das Haus für sechs Monate nicht verlassen. Obamas Fehler: Der Mann war beteiligt an der Befreiung Ohrdrufs, eines Außenlagers des KZ Buchenwald. Schadenfroh fragten ihn die Republikaner, ob sein Onkel wohl in der Roten Armee gedient habe. Am 5. Juni wird der amerikanische Präsident nun die KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar besuchen.

          Der Mythos von der Selbstbefreiung

          Das Lager Buchenwald wurde am 11. April 1945 von den amerikanischen Truppen gleichsam im Vorbeimarsch befreit. Am 10. April 1945 standen die Amerikaner noch etwa 50 Kilometer westlich von Buchenwald. Kurz darauf kündigte Lagerkommandant Hermann Pister den Rückzug der SS an und übergab einem der beiden Lagerältesten, Hans Eiden, das Lager. Danach ertönten das Sirenensignal „Feindalarm“ und die Lautsprecherdurchsage: „Sämtliche SS-Angehörige sofort aus dem Lager“.

          Am Vormittag des 11. April begann das Lagerkomitee der Häftlinge mit der Bewaffnung der eigenen Leute und der Übernahme des Lagers. Nachmittags trafen zwei amerikanische Aufklärer ein und berichteten an den Stab der „4th Armored Division“, dass sie ein befreites Lager mit bewaffneten Häftlingen vorgefunden hatten. Daraus entstand der Mythos von der Selbstbefreiung Buchenwalds durch das kommunistische Lagerkomitee, auf den sich wiederum das Selbstverständnis des SED-Staates gründete. Ohne den Sieg der Amerikaner hätte es freilich auch keine Selbstbefreiung gegeben.

          Opfer des Erzähltalents der Großmutter

          Buchenwald gleicht einem Kreuzweg, der Besucher in ein Tal des Todes führt, um sie am tiefsten Punkt dem hohen Mahnmal mit der Plastik siegender Häftlinge zuzuwenden. Die Amerikaner deuteten Buchenwald nicht als Triumph. Für sie blieb es allein ein Ort des Schreckens. Die Erlebnisberichte und Bilder aus den Konzentrationslagern prägten ihr Bewusstsein für die während des Krieges begangenen Verbrechen der Deutschen tief, wenn auch nicht alle historischen Details selbst einem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten erinnerlich sind. Wie sich später herausstellte, war die Quelle, auf die sich Obama am Memorial Day als seinen „Onkel“ berufen hatte, in Wahrheit sein Großonkel namens Charlie Payne.

          Payne ist heute 84 Jahre alt. Er wurde 1943 Soldat. Im Frühjahr 1945 marschierte er als Angehöriger der 89. Infanteriedivision der 3. Armee von Frankreich aus nach Deutschland ein. Am 4. April erreichte er mit seinen Kameraden unter dem Artilleriefeuer der Deutschen das Lager Ohrdruf. Payne erinnert sich an Gefangene, die erschossen worden waren, als sie offenbar mit ihrem Essgeschirr anstanden - und an Baracken, in denen Leichen aufgestapelt waren. Die Zeitung „Chicago Tribune“ zitierte Obama mit den Worten, er habe gehört, dass der Großonkel in einem Stadium des Schocks aus Europa zurückgekehrt sei und wenig gesagt habe. Payne selbst wird indes mit den Worten zitiert, dass er mit den Erlebnissen ziemlich gut habe umgehen können. Er habe über all dies viele Jahre nicht nachgedacht. Der Großonkel mutmaßte, der Großneffe könne ein Opfer des Erzähltalents der Großmutter, seiner Schwester Madelyn Dunham, geworden sein.

          Obama will am Freitag mit ehemaligen Häftlingen des Lagers Buchenwald und auch mit Jugendlichen sprechen. Am Donnerstagabend schon wird der Präsident in Dresden erwartet. Dort ist am Freitag auch ein Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel geplant. Nach der Visite in Buchenwald wird Obama weiter zum amerikanischen Militärhospital nach Landstuhl fliegen.

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