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Deutschland und Japan : Alte Freunde

  • -Aktualisiert am

Berlin und Tokio verbindet eine lange, gemeinsame Geschichte. Ihre Werte und Interessen ähneln sich. Aber es fehlt an einer politisch institutionalisierten Verbindung.

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          Im Januar 1861 nahmen das Königreich Preußen und Japan formelle Beziehungen auf. 150 Jahre später haben Deutsche und Japaner auf vielfache Weise ihrer gemeinsamen Geschichte gedacht. Aus zarten Anfängen hat sich ein Verhältnis entwickelt, das die Höhen und Tiefen der Zeitläufte überstanden hat und dessen Merkmal vor allem die Sympathie ist, die Japaner und Deutsche füreinander empfinden, wenn auch die Neugier aufeinander nachgelassen hat. Heute suchen beide Länder nach dem Platz, den sie in der „Welt der G 20“ einnehmen werden - mithin in jener Welt, in welcher der Westen nicht mehr uneingeschränkt den Ton angeben kann, sondern aufsteigende Mächte selbstbewusst Status beanspruchen und darauf pochen, mitzuentscheiden.

          Angesichts der großen weltpolitischen Machtverschiebung ist der Topos vom angeblichen oder tatsächlichen Niedergang des Westens populär. Mit dieser Erzählung sehen sich die Vereinigten Staaten konfrontiert, aber eben auch Deutschland und Japan, die über die Maßen erfolgreichen Industriestaaten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (für Deutschland galt das freilich nur für seinen westlichen Teil). Werden die beiden Staaten künftig ihren Niedergang betrauern, oder können sie so selbstbewusst wie andere ihren wirtschaftlichen und politischen Platz in der Welt behaupten, vielleicht sogar eingedenk der hundertfünfzigjährigen Freundschaft in einer gemeinsamen Anstrengung?

          Die Verfassung beider Länder ist grundverschieden

          Jede Aufforderung zu mehr Gemeinsamkeit kommt nicht darum herum, anzuerkennen, dass die (geo-)politische Lage beider Länder und die Verfassung, in der sie sich befinden, grundverschieden sind. Dank der Reformen von Unternehmen und seines Sozialsystems erlebt Deutschland heute fast ein zweites Wirtschaftswunder. Das Land ist Adressat großer Erwartungen und Anforderungen: Dass die Bundesrepublik die Führungsrolle in Europa einnehmen soll, halten viele Zeitgenossen für offensichtlich oder gar für zwingend erforderlich. Es war der polnische Außenminister, der das ursprünglich auf Amerika gemünzte Wort von der unentbehrlichen Nation auf Deutschland und Europa anwandte. In der Staatsschuldenkrise, genauer: der Reaktion hierauf, ist die neue Stärke des Landes dank prosperierender Wirtschaft offensichtlich geworden.

          Weit weniger klar ist es, welche Rolle Japan in Asien spielen kann und will. Die Katastrophe von Fukushima hat das Selbstvertrauen des Landes tief erschüttert. Zudem steht Japan nicht auf einer institutionellen Plattform, wie sie Deutschland in der EU besitzt. Das Land steht vielmehr auf der Schattenseite einer eindrucksvollen wirtschaftlichen Dynamik in einer Region, die geprägt ist von historischen Rivalitäten, prekären Machtgleichgewichten und zahlreichen Konflikten. China und Korea kämen nicht als erstes auf die Idee, dem Nachbarland Japan eine Führungsrolle zuzuschreiben. Aus der Sicht des Festlandes erscheint der Inselstaat nur mehr als eine alternde Macht, mit der man verflochten ist und um des eigenen Vorteils willen zusammenarbeitet.

          Gemeinsame Interessen, gemeinsame Zukunft?

          Weil diese Nachbarschaft ist, wie sie ist, sind die sicherheitspolitischen Verbindungen Japans mit den Vereinigten Staaten fester denn je. Als die Demokratische Partei 2009 in Tokio die Regierung übernahm, wollte sie auf Distanz zu Washington gehen: Auf Augenhöhe sollte fortan miteinander verkehrt werden. Aber sicherheitspolitische Grundgegebenheiten lassen sich nicht in einer Pose des Aufbegehrens wegdekretieren. 2010 betrieb Peking eine ziemlich aggressive Interessenpolitik in der Region - die japanische Regierung lernte ihre Lektion schnell: Die Allianz mit den Vereinigten Staaten wurde erneuert und emotional dadurch gestärkt, dass Zehntausende amerikanische Soldaten nach Tsunami und Atomkatastrophe bei den Aufräumarbeiten halfen. Diese Allianz ist wichtiger Bestandteil der Asien-Strategie Präsident Obamas - für Japan hat sie überragende Bedeutung. Viele Deutsche dagegen schreiben „ihrem“ Bündnis mit Amerika nicht mehr eine überragende Bedeutung zu.

          Deutschland und Japan haben gemeinsame Werte und verfolgen ähnliche Interessen. Aber ihrer Zusammenarbeit mangelt es an einer politisch institutionalisierten Verbindung. Die Gruppen der G 7 und G 20, denen beide Länder angehören, bieten zwar einen Rahmen für wirtschafts-, finanz- und auch währungspolitische Zusammenarbeit. Aber dieser Rahmen ist naturgemäß locker, der Grad der Institutionalisierung gering.

          Ein fester organisatorischer Unterbau fehlt nicht nur der Partnerschaft zwischen Deutschland und Japan, es gibt ihn im gesamten europäisch-japanischen Verhältnis nicht. In dem Dreieck Amerika-Japan-Europa ist der europäisch-japanische Schenkel nach wie vor der schwächste. Dieses Manko fällt deswegen ins Gewicht, weil auf der einen Seite die Begeisterung für China und Indien Japan an den Rand des öffentlichen Interesses rückt und weil auf der anderen Seite die Eurokrise Zerfallsszenarien Auftrieb gibt. Was bleibt, ist die fruchtbare Zusammenarbeit auf einzelnen Politikfeldern, etwa auf denen von Umwelt und Energie. Aber reicht das aus, damit das alte Freundespaar auch in den bewegten Zeiten von morgen als optimistisch-unverzagte Gestaltungskraft auftreten kann?

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