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Kampf gegen Islamismus : Frankreich geht den autoritären Weg

„Hayat“: Beratungsstelle gegen Radikalisierung Bild: dpa

Es geht um das Gleichgewicht der Gesellschaft: Im Kampf gegen die Radikalisierung junger Muslime verfolgen Deutschland und Frankreich sehr unterschiedliche Lösungen.

          Patrick Calvar, der Chef des französischen Inlandsgeheimdienstes DGSI, hat kürzlich davor gewarnt, das Phänomen der Radikalisierung in Europa zu unterschätzen. „Um ganz aufrichtig zu sein: Die Radikalisierung halte ich für 100-mal gefährlicher als den Terrorismus. Terrorismus bedeutet, dass wir getroffen werden, doch wir können standhalten. Aber diese schleichende Radikalisierung wird das profunde Gleichgewicht unserer Gesellschaft ins Wanken bringen, und das ist viel schwerwiegender“, sagte Calvar vor dem Verteidigungsausschuss der französischen Nationalversammlung.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Es sei ein Irrtum, auf die Radikalisierung nur mit sicherheitspolitischen Maßnahmen zu antworten. „Wir müssen verstehen, mit wem wir es zu tun haben. Wir stellen bei der Mehrheit derjenigen, die wir festnehmen, ein tiefes Unbehagen fest. Die einzige Ideologie, die sie mit Lebenssinn erfüllt, ist der religiöse Extremismus. Sie hassen unsere Gesellschaft“, führte der Geheimdienstchef vor den Abgeordneten aus.

          Die Anziehungskraft der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) auf junge Europäer sei weiterhin ungebrochen. Nach Angaben Calvars haben sich 818 Franzosen dschihadistischen Netzwerken mit dem Ziel angeschlossen, nach Syrien auszureisen. 645 weitere stehen für die Terrororganisation in Syrien und im Irak unter Waffen.

          201 Franzosen sind entweder auf dem Weg nach Syrien oder auf der Rückreise. In Deutschland gibt es eine ähnliche Entwicklung. Das Bundeskriminalamt sprach in einer jüngsten Erhebung von mehr als 800 Personen, die aus Deutschland in das syrisch-irakische Kampfgebiet ausgereist seien.

          Erfolgreich reintegriert

          Wie aber können radikalisierte junge Leute wieder in die Gesellschaft reintegriert werden? Über diese Frage hat der deutsche Botschafter in Paris, Nikolaus Meyer-Landrut, unlängst einen deutsch-französischen Erfahrungsaustausch organisiert. Beiden Ländern ist gemein, dass sie lange abgewartet haben, bevor sie sich für sogenannte Deradikalisierungsprogramme entschieden.

          Wie der Terrorismusforscher Marc Hecker vom Institut Français des Relations Internationales (IFRI) sagte, seien noch 2013 Finanzmittel für entsprechende Programme abgelehnt worden.

          In Deutschland hat die Beratungsstelle „Hayat“ 2011 mit Deradikalisierungsprogrammen begonnen. Das „Violence Prevention Network Deutschland“ wiederum hat sich auf Programme im Strafvollzug spezialisiert. Dabei halfen den Sozialarbeitern Erfahrungen mit Aussteigern aus der Neonazi-Szene, wie die Verantwortliche des Berliner Büros von „Hayat“, Claudia Dantschke, schilderte.

          Uniformpflicht zur Resozialisierung

          Frankreich und Deutschland haben ganz unterschiedliche Vorstellungen, wie jungen Radikalisierten der Weg zurück in die Gesellschaft geebnet werden kann. Frankreich setzt auf einen kollektiven Ansatz mit „Umerziehungsanstalten“ für radikalisierte Jugendliche. Präfekt Pierre N’Gahane, der für die Deradikalisierungsprogramme zuständig ist, verteidigte sich gegen den Vorwurf einer autoritären Vorgehensweise.

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