https://www.faz.net/-gpf-9su97

„Deutschland spricht“ : „Absurd – die, die den Klimaschutz nach vorne bringen, sind die Vielflieger!“

Christoph Rathert und Alexander Jackson diskutieren bei „Deutschland spricht“. Bild: Marcus Kaufhold

Alexander Jackson ist Geschäftsführer einer CDU-Kreistagsfraktion, Christoph Rathert Vorsitzender eines SPD-Ortsvereins. Im hessischen Butzbach treffen sie sich privat. Funktioniert die große Koalition im Kleinen?

          5 Min.

          Bevor Alexander Jackson und Christoph Rathert über Politik reden, reden sie über Fußball. Rathert schwärmt von Pep Guardiola, Jackson stimmt zu. Es ist ein früher Abend in einer Pizzeria am Marktplatz in Butzbach, einer Stadt in Hessen. Vor dem Fenster reihen sich die Fachwerkhäuser aneinander. Es sind zwei Männer, die sich erst seit ein paar Minuten kennen, aber trotzdem schon entspannt zusammen wirken. Bevor es richtig losgeht, einigen sie sich auf eine Regel: „Solange keiner den Schiri zusammen schlägt, ist alles ok“.

          Jackson und Rathert haben alle sieben Fragen, die im Vorfeld im Fragenkatalog von der Aktion „Deutschland spricht“ gestellt wurden, anders beantwortet. Deswegen hat ein Algorithmus sie an diesem Abend in Butzbach zusammengebracht. Beide wohnen gar nicht hier. Jackson ist im Sommer gern in der Stadt, wenn im Innenhof des Schlosses Filme gezeigt werden. Auch Rathert ist manchmal hier, über den Weg gelaufen sind sie sich noch nie.

          Jackson ist 27, trägt ein weißes Hemd und ein Jackett, er studiert BWL, gerade schreibt er an seiner Masterarbeit. Rathert ist Sozialarbeiter im öffentlichen Dienst, 46, schwarzer Rollkragenpulli, sportlich, markante schwarze Brille. Das Fahrrad, das vor dem Restaurant parkt, gehört ihm. Er ist mit Zug und Fahrrad zu dem Treffen gekommen, die Zugfahrt dauert nur zehn Minuten von Gießen aus, wo er wohnt. Alexander Jackson ist mit dem Auto hergefahren, er kommt aus Usingen, einer Kleinstadt im Hochtaunuskreis. Dreißig Minuten hat er für seinen Weg gebraucht. „Mit dem Zug hätte es eine Stunde und eine Viertelstunde gedauert und der Preis wäre ungefähr gleich gewesen“, sagt er. Dann doch lieber das Auto.

          Mit dem Zug nach Pisa

          Alexander Jackson ist Geschäftsführer der CDU in Usingen, einer Stadt im Hochtaunuskreis. Christoph Rathert ist Vorsitzender des Ortsvereins Gießen-Süd. Am Abend sind sie als Privatpersonen hier. Rathert hat die Fragen auf einem Zettel dabei, Jackson schaut auf sein Smartphone. Rathert, der mit dem Zug gekommen ist, nimmt auch innerhalb der Europäischen Union gern den Zug. „Die Verbindung in die Metropolen ist super, ich bin schon nach Wien, Pisa oder Salzburg mit dem Zug“, sagt er. „Die Preise für Billiganbieter müssen erhöht werden. Es sollten mehr andere Möglichkeiten benutzt werden, zum Beispiel die Bahn.“ Alexander Jackson würde nicht mit dem Zug nach Italien fahren. „Das wäre für mich eine Strecke, die zu weit wäre. Der Zeitfaktor ist da schon ein Punkt. Auch von München nach Hamburg ist der Flug unschlagbar.“ Er denkt, auch wenn der Flug von Hamburg nach München 15 Euro teurer werden würde, würde das wenig verändern. „Wir können nicht mit ein paar Euro mehr das Klima retten.“ Aber klar, man solle die Bahn attraktiver machen.

          Deutschland spricht
          Deutschland spricht

          Flüchtlingskrise, innerdeutsche Spaltung oder Klimawandel: Die Liste kontroverser Themen ist lang – doch oft fehlt es an echtem Austausch. Mit der Aktion „Deutschland spricht“ bringt die F.A.Z. unterschiedlichste Ansichten an einen Tisch. Nun berichten wir über die Gespräche, die zwischen Lüneburg und Darmstadt, Halle und Heidelberg stattgefunden haben.

          Mehr erfahren

          Rathert lenkt ein, eine Flugsteuer könne sicherlich nicht alle Widersprüche lösen. Die übergeordnete Frage sei doch: Was können wir tun? Alexander Jackson hat schon eine Idee. Zum Beispiel durch Exporte von Flugzeugen, durch umweltschonende Flugzeuge könnten Gewinne erzielt werden. Da fällt Rathert eine Studie ein, die besagt habe, dass die Wählergruppe, die am meisten fliege, das sei die der Grünen. „Das ist schon absurd, die, die den Klimaschutz nach vorne bringen, sind die Vielflieger.“

          In der Zwischenzeit hat sich Rathert schon die zweite Flasche Bitter Lemon bestellt. Jetzt fragt er nach der Karte, wirft nur einen kurzen Blick hinein und bestellt sich eine Pizza Margherita. Jackson bleibt bei Cola Zero. Bis die Pizza kommt, haben sie schon wieder eine Frage abgearbeitet. Meist macht einer den „Aufschlag“, wie Jackson es nennt. Dann setzt der andere nach. Dann geht es noch ein paar Mal hin und her. Obwohl die beiden als Privatleute da sind, merkt man, dass sie in der Politik aktiv sind.

          Beide formulieren ihre Aussagen klar. Jackson formuliert seine Sätze ruhig und besonnen, ab und an gestikuliert er mit den Händen. Rathert spricht schneller; wenn ihm noch ein Detail einfällt, hält er manchmal kurz inne, nur um dann genau so schnell weiterzureden. Über Politik redet er fast so begeistert wie über Fußball. Dann nähern sie sich den „heißen Themen“, wie sie es nennen. Gut, dass mittlerweile die Pizza auf dem Tisch ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.