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Gastbeitrag : Der Beckenbauer Europas

  • -Aktualisiert am

The Berlin Reichstag is reflected in a car window Bild: dpa

Deutschland ist weder der neue Anführer der freien Welt noch der Kapitän einer europäischen Fußballmannschaft. Nur im Rahmen Europas wird das Land seine globale Rolle entfalten können.

          Man hat mich gebeten, über die internationale Rolle eines „neuen Deutschlands“ zu schreiben. Was genau soll aber dieses „neu“ bedeuten? Neu seit 1945? Seit der Wiedervereinigung? Seit dem Brexit-Votum? Seit der Wahl Donald Trumps, die Kanzlerin Angela Merkel mit der Bemerkung quittierte, dass die Zeiten „ein Stück vorbei [sind]“ in denen sich Deutschland „völlig“ auf andere verlassen könne? Oder neu seit die Wahlen in Deutschland die rechtspopulistische AfD mit einem schockierend hohen Prozentsatz der Stimmen ins Parlament beförderten?

          Der kluge und heute schmerzlich vermisste Historiker Fritz Stern schrieb in seinem Buch, Fünf Deutschland und ein Leben: Erinnerungen, über die fünf Deutschland, die er kennenlernte, angefangen bei der Weimarer Republik bis hin zum wiedervereinigten Deutschland. Demnach würden wir uns immer noch in Sterns fünftem Deutschland befinden. Denn seit dem 3. Oktober 1990 gab es keine historische Zäsur mehr, die uns erlauben würde, heute von einem „neuen“ Deutschland zu sprechen.

          Eine Betrachtung der heutigen internationalen Rolle der Bundesrepublik ist eine Betrachtung des Prozesses, bei dem die Macht Deutschlands und seine Verantwortung in der Welt seit 1990 stetig zugenommen hat, teils als Ergebnis deutscher politischer Initiativen und Absichten, teils aber auch aufgrund externer Entwicklungen, die Deutschland nicht beabsichtigt hat und nur begrenzt beeinflussen konnte. Klare Beispiele solcher externen Entwicklungen waren etwa die Wahl Donald Trumps, das Brexit-Votum und Vladimir Putins aggressives Vorgehen in der Ukraine. Gleiches gilt, auch wenn es nicht so offensichtlich ist, für die Eurozone. Denn es ist eine große Ironie der Geschichte, dass die Eurozone, welche 1989/90 zur engeren Einbindung des wiedervereinigten Deutschlands in die Europäische Union und damit zur Stärkung der Führungsrolle auch anderer EU-Länder wie insbesondere Frankreichs und Italiens vorangetrieben wurde, letzten Endes zu einer der zentralen Kräfte wurde, die Deutschland in seine einzigartige Führungsrolle in Europa gedrängt hat.

          In einem Artikel, der 2013 in der Zeitschrift New York Review of Books erschien, habe ich die „neue deutsche Frage“ daher so gestellt: „Kann Europas mächtigstes Land beim Aufbau einer sowohl nachhaltigen und international wettbewerbsfähigen Eurozone wie auch einer starken, international glaubwürdigen Europäischen Union führen?“ Seitdem sind die Erwartungen sogar noch gestiegen. Mancherorts wird ernsthaft diskutiert, ob Kanzlerin Merkel jetzt die „Anführerin der freien Welt“ sei, eine Idee, die bereits 2015 vom Zeitkolumnisten Jochen Bittner ins Gespräch gebracht wurde und seit dem Brexit-Votum und der Wahl Donald Trumps vermehrt diskutiert wird. Ein Artikel in der New York Times schlug gar vor, dass sie zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea verhandeln könnte. Wie die Kanzlerin selber glaube auch ich, dass das stark übertrieben ist.

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