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Gastbeitrag : Der Beckenbauer Europas

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Gleichzeitig ist zu hoffen, dass Deutschland nicht in die Falle der neo-karolingischen Versuchung tappt. Damit meine ich Tendenzen, die manchmal bei den unmittelbar westlich von Deutschland liegenden Ländern feststellbar sind und in etwa folgendermaßen argumentieren: „Durch das Brexit-Votum und die Wahl Donald Trumps haben sich die angelsächsischen Länder auf einen eigenen, nicht-europäischen Pfad begeben, wie schon de Gaulle es vorhergesagt hatte. Und in Polen, Ungarn und anderen osteuropäischen Ländern befinden sich alte, autoritär-chauvinistische Strömungen wieder im Aufwind, was ebenfalls nicht anders kommen konnte. Unsere Anstrengungen sollten daher auf den Wiederaufbau des eigentlichen harten Kerns des Europas Karls des Großen zielen“.

Für Deutschland kann dies nicht die richtige Antwort sein. Was Richard von Weizsäcker einmal einprägsam die Erlösung aus der Mittellage nannte als Geschenk der deutschen und europäischen Einigung nach 1989, ist darauf gebaut, dass Deutschlands östliche und westliche Nachbarn eine zusammenhängende wirtschaftliche, politische und Sicherheitsgemeinschaft bilden.

Auch für Europa als Ganzes kann die neo-karolingische Lösung nicht die richtige Antwort sein. Denn wie kann Europa hoffen, eine wirkungsvolle Russlandpolitik ohne die volle und konstruktive Beteiligung Polens und der baltischen Staaten zu entwickeln? Die Auswirkungen des Brexit-Votums auf das außenpolitische Gewicht der EU werden zudem schwerwiegend genug sein. Eine Zurückweisung der Zusage von Premierministerin Theresa May, dass Großbritannien, das erst jüngst in Estland Truppen stationiert hat, sich weiterhin bei der Sicherheit Europas voll einbringen wird, wäre extrem töricht.

Wird Deutschland zur globalen Macht?

Militär, Wirtschaft und Soft Power bilden die drei Hauptsäulen staatlicher Macht. Aus offensichtlichen Gründen war die deutsche Außenpolitik immer besonders auf Wirtschaft und Soft Power fokussiert (Deutschland hat eine besonders gut entwickelte kulturelle Diplomatie), und zurückhaltend beim Militär. Wird es Deutschland jedoch im europäischen Kontext möglich sein, ohne die Militärausgaben auf die von der NATO vorgegebene Marke von 2 Prozent des BIP zu erhöhen, zur globalen Macht aufzusteigen? Würde die deutsche Politik und öffentliche Meinung einen solchen Schritt überhaupt erlauben? Selbst wenn ja, wird Berlin ganz sicherlich enger mit Ländern wie etwa Frankreich, Großbritannien oder den Vereinigten Staaten zusammenarbeiten wollen, die regelmäßiger zu militärischen Mitteln greifen, und dabei weiter eine führende Rolle in den Bereichen Wirtschaft und Soft Power spielen.

Müsste ich all dies zu einer einzigen Metapher kondensieren, würde ich das Bild eines europäischen Fußballteams in einer globalen Liga wählen. Deutschland mag dabei nicht der ausgemachte Kapitän oder Trainer der Mannschaft sein. Allerdings gibt es in fast allen großen Teams diesen einen besonderen, zentralen Spieler, der die Mannschaft zusammenhält, ihr eine Richtung, Beweglichkeit und Stärke gibt. Das sind Spieler wie Zinedine Zidane oder Franz Beckenbauer. Kurzum, Deutschland sollte der Beckenbauer des global wirkenden Europas werden.

Professor Dr. Timothy Garton Ash lehrt europäische Studien an der Oxford University. Er wurde dieses Jahr mit dem Internationalen Karlspreis ausgezeichnet.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch in THE BERLIN PULSE, der neuen Publikation der Körber-Stiftung zu deutscher Außenpolitik.

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