https://www.faz.net/-gpf-94bbm

Gastbeitrag : Der Beckenbauer Europas

  • -Aktualisiert am

Deutschlands Rolle in der Welt wird sich vor allem durch Europa und aus Deutschlands führender Rolle innerhalb Europas ergeben. So lautete zumindest die Schlussfolgerung, zu der Frank-Walter Steinmeier 2014 in seiner hervorragenden und bewundernswert selbstkritischen Analyse der deutschen Außenpolitik gelangte; einer Schlussfolgerung, an der sich, in absehbarer Zeit jedenfalls, nicht allzu viel ändern dürfte. Über die deutsche Außenpolitik sagte Hans-Dietrich Genscher einmal, dass sie „umso deutscher ist, je europäischer sie ist“. Aus heutiger Warte ließe sich vielleicht ergänzen: „je europäischer sie ist, desto globaler ist sie“. Die Entwicklung eines globalen deutschen Einflusses führt über ein global wirkendes Europa. Natürlich hat Deutschland als Land klar definierbare Wirtschaftsinteressen in Ländern wie etwa China. Aber nur innerhalb des größeren europäischen Rahmens erwachsen aus diesen Wirtschaftsbeziehungen auch strategisches und politisches Kapital und entsprechende Verpflichtungen.

Deutschland kann den Islam nicht  verteufeln

Wie zutreffend das bekannte Phänomen ist, das die scharfe Trennung zwischen Innen- und Außenpolitik zunehmend verwischt, zeigt sich in diesem Kontext besonders deutlich. Ganz offensichtlich gilt dies etwa für die Zusammenhänge zwischen Themenfeldern wie Flucht, Migration und den Nahost-Beziehungen und denen zur islamischen Welt. Deutschland kann den Islam, wie das einige hohe AfD-Politikerinnen und Politiker gerne machen, nicht zu Hause verteufeln und glauben, dass dies für die Außenbeziehungen zu mehrheitlich muslimischen Ländern wie etwa der Türkei ohne Konsequenzen bleiben wird. Umgekehrt wirken diese Beziehungen auch auf das Klima unter Minderheiten in Deutschland. Einen Umgang mit der großen Zahl ankommender Flüchtlinge in Deutschland zu finden, hängt von der Sicherung der Außengrenzen des gesamten Schengen-Raums, den diplomatischen Bemühungen im ganzen Nahostraum und, wie Deutschlands G20 Präsidentschaft praktischerweise gezeigt hat, von der Entwicklungspolitik in Subsahara-Afrika ab.

Gleiches gilt auch in Bezug auf die Eurozone, die nach dem Brexit rund 85 Prozent der EU Wirtschaft ausmachen wird. „Soft Power“, von Joseph Nye ganz richtig als Macht durch Attraktivität definiert, war immer eine Schlüsseldimension europäischer Macht. Die Magnetwirkung Europas auf seine Nachbarn und Menschen überall auf der Welt, um eines von Konrad Adenauers Konzepten aufzugreifen, wird sich nur entfalten können, wenn die Eurozone wieder erblüht, sowohl in Süd- als auch in Nordeuropa. Hierbei handelt es sich nicht um eine Frage von ökonomischer Theorie oder Dogma. Es ist eine Frage nach dem, was funktioniert. Eine etwas pragmatischere, ergebnisorientierte Flexibilität Deutschlands in Bezug auf die Eurozone wäre daher eine Schlüsselkomponente für den Aufbau eines stärkeren global wirkenden Europas.

Weitere Themen

Johnson will Brexit-Deal neu verhandeln

Brief an Tusk : Johnson will Brexit-Deal neu verhandeln

Bisher wollte der britische Premier sein Land auch ohne Deal aus der EU führen. Nun schreibt er an EU-Ratspräsident Tusk, ein Abkommen habe „oberste Priorität“. Zugleich fordert er, die Backstop-Regelung zu streichen – und schlägt Alternativen vor.

Topmeldungen

Rentenangleichung : Das Märchen von der Armut

Bald werden die Renten im Osten denen im Westen gleichgestellt sein. Manchen gilt das als Vollendung der deutschen Einheit. Es hat aber auch seine Tücken.

Vegane Ernährung : Arbeit ohne Heiligenschein

Immer mehr vegane und vegetarische Lebensmittel kommen auf den Markt. Um sie herum gibt es jede Menge Berufe. Wie ideologisch muss man sein, um in der Branche klarzukommen?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.