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Kommentar zum Prager Frühling : Wo Russland schwach ist

50 Jahre nach dem Prager Frühling: Wie verhält sich Russland zu potentiellen Partnern in Wirtschaft, Politik und Sicherheitsfragen? Bild: dpa

Der mystische Glaube an die Eignung Russlands als Partner umfasst nicht nur die Wirtschaft – sondern auch Politik und Sicherheitsfragen. Der Wunsch danach wird aus einer bunten Mischung geboren.

          Vor genau 50 Jahren kam es in einem unserer Nachbarländer zu einer ungewöhnlichen Begegnung zweier Völker. Auf der einen Seite die Tschechen (und ihre damaligen Mitbürger, die Slowaken). Sie gingen auf Straßen und Plätze: für Reformen, etwas mehr Freiheit und Selbstbestimmung. Auf der anderen Seite die Russen. Sie kamen auf dieselben Straßen und Plätze. Allerdings hoch zu Ross: auf Panzern. Dutzende Menschen starben. Hunderttausende flohen, auch nach Deutschland. So beendete Moskau den demokratischen Aufbruch des „Prager Frühlings“.

          Was ist seitdem aus ihnen geworden, aus Tschechen und Russen? Aus der „kleinen“ Tschechischen Republik ist ein fleißiges Boomland und ein großer Partner geworden. Schauen wir auf die Prosa der Wirtschaft: Der deutsch-tschechische Handel wächst und wächst; er näherte sich 2017 der Rekordmarke von 90 Milliarden Euro. Schon vor Jahren hat er den deutsch-russischen Handel meilenweit hinter sich gelassen. Woran das liegt? Jedes Land hat eben seine eigenen Prioritäten und Fähigkeiten. Der altgediente Kreml-Berater Sergej Karaganow brachte es kürzlich in einer deutschen Zeitschrift mit drohendem Unterton auf den Punkt: „Die Russen sind schwache Händler, aber hervorragende Kämpfer.“ Die alte Moskauer Neigung, Nachbarn nicht mit Waren, sondern mit Panzern zu beeindrucken, kommt unter Präsident Putin leider aufs Neue zum Zuge.

          Neben Trump hebt sich Putin nahezu positiv ab

          Manche deutschen Politiker, Intellektuelle und Konzernchefs fordern jedoch eine Russlandpolitik, als seien Moskaus Kompetenzen gerade andersherum verteilt. Sie schwärmen davon, wie Sahra Wagenknecht vor einer Woche in der F.A.S., „dass russische Rohstoffe und deutsche Technologie zusammenkommen“. Gerhard Schröder, dem „Genossen der Bosse“, dürfte bei der Lektüre dieser Worte das Herz höher geschlagen haben. Russland ist zwar bereits jetzt der größte Brennstofflieferant Deutschlands, doch Dank Schröders Einsatz für die zweite Ostsee-Gasleitung sollen diese Lieferungen bald noch größer werden – und die mickrige Handelsstatistik aufbessern helfen.

          Der mystische Glaube an die Eignung Russlands als Partner umfasst nicht nur die Wirtschaft, sondern auch Politik und Sicherheitsfragen. Vor allem ältere SPD-Politiker wiederholen gern die Formel, viele Probleme der Welt seien „nur mit Russland zu lösen“. Womöglich auch die Probleme der Ukraine, die Präsident Putin selbst geschaffen hat? Dabei hält die Geschichte andere Lehren bereit: Erst als das geschwächte Russland (die Sowjetunion) die Bereitschaft zeigte, sich zurückzuhalten und zurückzuziehen, fand zum Beispiel die deutsche Frage ihre – überraschend schnelle – Lösung. Aber in vielen deutschen Köpfen und Herzen leben andere Gedanken: Schuldgefühle wegen des Zweiten Weltkriegs, Dankbarkeit wegen der „Gnadengabe“ der Wiedervereinigung, zugleich Angst vor Russlands Raketen und Überschätzung seines wirtschaftlichen Potenzials.

          Schuld, Dankbarkeit, Angst und eine große Dosis Unkenntnis: Das ist die bunte Mischung, aus der in vielen deutschen Köpfen der Wunsch geboren wird nach einer „neuen Ostpolitik“. Die aber gar nicht auf das ganze Osteuropa, sondern bitteschön auf Moskau fixiert sein soll. Das gab es schon vor Trump; aber vor dem irrlichternden Amerikaner hebt sich der kühl kalkulierende Putin natürlich positiv ab. Am Samstagabend empfing die Bundeskanzlerin den russischen Präsidenten. Die Weisheit Karaganows dürfte sie – besser als andere – längst verinnerlicht haben.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

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