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Der deutsche Staat im Internet : Wie ein Anfänger im Boxring

Soll aufgestockt werden: Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Aber interessieren sich Spezialisten überhaupt für das BSI? Bild: EPA

Nur selten müssen Hacker mit Konsequenzen rechnen. Das BSI soll zwar ausgebaut werden, reizt Spezialisten aber kaum. Solange das so bleibt, muss man damit rechnen, das Cyberangriffe auf staatliche Institutionen noch zunehmen.

          Nun, da sich der Hacker „G0d“ als zwanzig Jahre alter Schüler entpuppt hat, sollte man sich fragen, wozu die eigentlichen Götter im Bereich der Cyberkriminalität fähig sind. Wenn es einem jungen Mann in seinem Kinderzimmer gelingt, Daten Hunderter Politiker und Journalisten zu veröffentlichen und tagelang die Republik in Atem zu halten, welchen Schaden können dann erst die Geheimdienste Russlands, Chinas oder Nordkoreas anrichten?

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Vor einem Jahr führten nordkoreanische Hacker der Welt mit dem Computerwurm Wannacry vor Augen, wie verletzlich sie durch die Vernetzung geworden ist – und das war nur die spektakulärste Attacke in einer Reihe von Cyberangriffen, die vom Millionenraub aus der Zentralbank in Bangladesch bis hin zur digitalen Verkrüppelung eines amerikanischen Tochterunternehmens von Sony reichten. Markenzeichen der Nordkoreaner ist es, alle Daten auf den gekaperten Rechnern zu vernichten. So kann nur ein Land agieren, das auf dem Parkett der Weltgemeinschaft kaum etwas zu verlieren hat.

          Dass chinesische Cyberkräfte im Moment weniger Aufmerksamkeit bekommen, spricht nicht gegen ihre Fähigkeiten, im Gegenteil. Gerade die Chinesen sind dafür bekannt, absolut geräuschlos vorzugehen. Und Hacker in russischen Diensten scheinen manchmal sogar Fährten in ihren Schadprogrammen zu legen, die ihre Herkunft verraten – als wollten sie der Welt zeigen: Seht her, Russland ist wieder wer!

          Hacker müssen nur selten mit Konsequenzen rechnen

          Es ist, als könnten sich Hacker aussuchen, ob sie entdeckt werden wollen oder nicht. Während Kriminelle in der analogen Welt alles tun müssen, um sich zu verstecken, finden sie im Dickicht des Internets eine natürliche Tarnung. Selbst Laien können sich jederzeit eine neue IP-Adresse zulegen, Cybersoldaten ihre Spuren vollends verwischen. Wenn es den Behörden schließlich doch einmal gelingt, einen Hackerangriff zuzuordnen, hat sich die Öffentlichkeit meistens schon anderen Dingen zugewandt.

          Und falls nicht, was haben die Hacker schon zu befürchten? Nur selten müssen sie mit Konsequenzen rechnen, wie man kürzlich am Versuch russischer Agenten sehen konnte, die Organisation für das Verbot chemischer Waffen in Den Haag zu hacken. Da sie Diplomatenpässe hatten, blieb den Niederlanden nur übrig, die Russen des Landes zu verweisen. Wenn überhaupt, ist den Verantwortlichen die Aufmerksamkeit egal, vielleicht ist sie ihnen sogar recht. Solange das so bleibt, muss man davon ausgehen, dass Cyberangriffe auch auf staatliche Institutionen noch zunehmen werden, insbesondere in Deutschland, einem politischen Schwergewicht in Europa.

          Der deutsche Staat aber tapst durch das Internet wie ein Anfänger durch einen Boxring. Das kann nicht lange gutgehen. Dass Bundesinnenminister Horst Seehofer das Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) verstärken will, ist zwar richtig. Wer es aber in der Hackerszene zu Ansehen gebracht hat, den reizt es kaum, zum BSI oder dem neugeschaffenen Cyber- und Informationsraum (CIR) der Bundeswehr zu gehen. Man schaue sich nur den jedes Jahr stattfindenden Kongress des Chaos Computer Clubs an, wo sich jene Spezialisten treffen, denen es nach eigenen Worten um den Schutz des Gemeinwohls geht. Die Besucher veranstalten Hackwettbewerbe im Halbdunkel und gehen danach feiern, was mit der Atmosphäre in deutschen Beamtenstuben nicht viel gemein hat. Natürlich sind auch Leute aus der Szene immer mal wieder bereit, ihre Fähigkeiten zu Geld zu machen. Das tun sie aber in der Wirtschaft, wo sie als Großverdiener einsteigen und jederzeit wechseln können.

          Hacker fürchten die amerikanischen Sicherheitsbehörden

          Diese Probleme lassen sich lösen, die Amerikaner machen es vor. In den Vereinigten Staaten wechseln die fähigsten Experten regelmäßig zwischen Staat und Wirtschaft – das nützt beiden Bereichen. Auf den Cybersicherheitskonferenzen der Privatwirtschaft sind wie selbstverständlich Soldaten anwesend und führen Bewerbungsgespräche für die Zeit nach dem aktiven Dienst. Ein Grund für diese Durchlässigkeit ist, dass sich Soldaten in Amerika nicht so lange verpflichten müssen. Ein weiterer, dass Spezialisten auch beim Staat oder Militär eine Menge verdienen können, sie arbeiten dann einfach als externe Berater.

          Selbst die besten Computerexperten ändern allerdings nichts an dem Problem, dass jede Stahltür wertlos ist, wenn andere in aller Seelenruhe daran herumschneiden können. Man muss nicht gleich vom Hackback und von roten Knöpfen reden, die gegnerische Server explodieren lassen. Einbrecher werden schließlich auch nur davon abgehalten, in fremde Häuser einzusteigen, wenn ihnen das Risiko zu groß wird und sie Strafen fürchten.

          Als bekannt wurde, wer hinter dem Cyberangriff auf Sony steckt, verschärfte Präsident Obama umgehend die Sanktionen gegen Nordkorea. Zuordnen konnte seine Regierung den Angriff unter anderem, weil die NSA längst nordkoreanische Rechner infiltriert hatte. Wen die Amerikaner zu fassen kriegen, der muss mit hohen Strafen rechnen. Das Ergebnis solchen Handelns: Hacker aus aller Welt fürchten die amerikanischen Sicherheitsbehörden. Die deutschen nicht unbedingt.

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