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Deutschland im Winter : In Demut vor dem Schnee

  • -Aktualisiert am

Die Menschen stoßen diesen Winter an ihre Grenzen. Weil sie das nicht wahrhaben wollen, machen sie die Bahn dafür verantwortlich Bild: dapd

Der Mensch macht das Wetter für alles Mögliche verantwortlich - der Himmel als Projektionsfläche der persönlichen Befindlichkeit. Ein natürlicher Instinkt scheint uns im Umgang mit Sommer und Winter abhandengekommen zu sein.

          Die Menschen haben sich dafür entschieden, dass es nur gutes oder schlechtes Wetter gibt. Es klingt wie ein guter Brauch, ist aber ein schlechter Witz: Wer über Sonne und Wolken, Hitze und Kälte, Schnee und Regen redet, weil er ein Gespräch beginnen möchte, der macht das Wetter meist für alles Mögliche verantwortlich. Der Himmel als Projektionsfläche der persönlichen Befindlichkeit: Mit dem simplen psychologischen Mechanismus muss nicht nur der liebe Gott leben, sondern auch die Troposphäre. Geht es denn nicht anders? Beklagt sich der Eskimo, wenn er einen Iglu-Nachbarn trifft, über Kälte, Eis und Schnee?

          Der untere Teil der Atmosphäre kann nachweislich gar nichts dafür, in welchem Mischungsverhältnis Strahlung, Luftdruck, Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit und Wind stehen - und was das auf der Erde bewirkt. Das Wetter ist, wie es ist. Und es wird auch nicht besser, je länger man darüber redet, womöglich sogar noch schlechter, weil man sich vollends dem Wetterwahn hingibt. Da ist es schon sinnvoller, darüber zu reden, wie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft richtig auf die Zumutungen der Natur reagieren. Denn ein natürlicher Instinkt scheint uns im Umgang mit Sommer und Winter abhandengekommen zu sein. Ganz zu schweigen davon, dass der Mensch noch nicht so weit ist wie die Nilgans, die nur mit einem Bein auf dem Eis steht, um das andere in der Zwischenzeit im Gefieder warm zu halten.

          Der Mensch erfand er die Bauernregeln - und am Ende sogar die Meteorologie

          Vielleicht ist die Missachtung des Wetters auch nichts Besonderes. Als Mitteleuropa vor gerade einmal drei, vier Generationen noch weithin agrarisch bestimmt war, lebte man Tag für Tag mit der Witterung. Die Milchbauern fluchten über den Regen, der die Heuernte zunichtemachte. Winzer und Obstbauern fürchteten den frühen Frost. Die Waldbesitzer litten mit ihren Bäumen, wenn wieder einmal Schneebruch zu beklagen war. Und die Fischer fuhren nicht hinaus, wenn sich ein Sturm ankündigte. Das Wetter hat den Menschen schon immer in Angst und Schrecken versetzt. Aber er musste damit leben. Daher flehte der Mensch zu Göttern, die nach dem Donner oder der Sonne benannt waren. Daher erfand er die Bauernregeln - und am Ende sogar die Meteorologie.

          Die Demut vor Blitz und Donner hat sich im Laufe der Zeit in Luft aufgelöst. Und dafür gibt es viele Gründe. Die Vorhersagen haben sich verbessert, und nicht nur die wenigen Landwirte, die es noch gibt, glauben, durch bessere Planung die Urgewalten im Griff zu haben. Nachdem, volkswirtschaftlich gesehen, der primäre und der sekundäre Sektor überwunden sind, hat man es sich in der Dienstleistungsgesellschaft bequem gemacht, in der Klimaanlagen das Unvorhersehbare meistern sollen. Und die politische Diskussion um die Klimaerwärmung hat zu dem weltumspannenden Konsens geführt, dass man Temperaturen und Niederschläge fast so genau bestimmen kann wie das Wetteränderungsamt in der Volksrepublik China.

          Mal ist es so, mal so, mal ganz anders

          Nur spielt das Wetter leider nicht mit. Mal ist es so, mal so, mal ganz anders. So wie jetzt. Dann stehen wir vor Schneebergen wie die ersten Menschen. Dann wedeln die Lastwagen über die Autobahnen, weil sie nur nach Gesetz und nicht nach Vernunft bereift sind. Dann ist in England mal wieder Schnee gefallen, der nicht den Gewohnheiten entspricht. Dann rasen manche Autofahrer noch immer über die Straßen, als ob es Sommer wäre.

          Die Menschen stoßen in diesem Winter an ihre Grenzen. Weil sie das nicht wahrhaben wollen, machen sie die Fluggesellschaften und die Bahn dafür verantwortlich - die freilich mit allzu schnoddrigen Reaktionen und immer noch schlechter Vorbereitung auf das Außergewöhnliche teils selbst die Verantwortung dafür tragen. Aus dem Blick gerät dabei, wie empfindlich und angreifbar wir geworden sind. Nur weil die Menschen immer öfter fliegen wollen, sind in den letzten Tagen so viele Flüge ausgefallen. Nur weil man glaubt, ein Anrecht darauf zu haben, mit dem Zug in vier Stunden von Frankfurt nach Berlin zu kommen, ärgert man sich über Verspätungen. Und nur weil man sich nicht mehr an die Winter der siebziger Jahre erinnert, ruft man sofort das „Chaos“ aus.

          Freude am Schnee sucht man vergebens

          Unsere Gesellschaft, so sah es der Soziologe Norbert Elias im „Prozess der Zivilisation“, hat sich überhaupt erst mit der wachsenden Kontrolle über Naturereignisse herausgebildet. Gemeinsam machten sich die Menschen unabhängig von den Launen der Natur: Sie bauten Deiche und Häuser, nutzten Schurwolle und Kaminfeuer, erfanden Schneeräumgeräte und Enteisungsmaschinen. Der Fortschritt verlieh dem Abendland eine selbstgewisse Mentalität, die vielfach in einen technikverliebten Machbarkeitswahn ausgeartet ist.

          Überraschungen sind nicht mehr vorgesehen. Freude am Schnee sucht man selbst in der Vorweihnachtszeit vergebens. Demut vor den Naturgewalten steht nicht auf dem Lehrplan. Vielleicht gelingt es ja den Feiertagen, die hektische Gereiztheit etwas auszugleichen. Und vielleicht entscheiden sich die Menschen aus Anlass der Weißen Weihnacht auch mal für eine weise Weihnacht: Es gibt kein gutes oder schlechtes Wetter, es gibt einfach nur Wetter. Gut, dass es das gibt.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

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