https://www.faz.net/-gpf-7x018

Integration : Wir brauchen eine neue Einwanderungspolitik

Integriert: Eine Schwarzafrikanerin zeigt ihre Einbürgerungsurkunde in Berlin. Bild: dpa

Immer mehr Menschen wandern nach Deutschland ein. Das wird das Land definitiv verändern. Diese Veränderung sollte aber nicht dem Zufall überlassen werden. Ein Kommentar.

          Deutschland ist, was es sein möchte. Es ist ein Land, das die Lücke, die der drastische Geburtenrückgang hinterlässt, durch drastische Einwanderung ausgleicht. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat das jetzt noch einmal statistisch erfasst: Im Jahr 2013 war Deutschland mit knapp einer halben Million dauerhaften Einwanderern das zweitgrößte Einwanderungsland nach den Vereinigten Staaten von Amerika. Nicht viel anders wird es wahrscheinlich auch in den kommenden Jahren sein, jedenfalls dann, wenn die Anziehungskraft des Arbeitsmarktes nicht nachlässt.

          Doch das ist nur die Statistik. Ist Deutschland wirklich das, was es sein möchte? Wird Deutschland auch in Zukunft so sein, wie es sein möchte? Die Bundesrepublik scheint zumindest ein Land zu sein, wie es sich Auswanderer wünschen – warum sonst sollten sie so zahlreich hierherkommen, warum sonst sollte jeder dritte EU-Migrant ausgerechnet Deutschland als sein Ziel wählen?

          Das passt nicht so ganz zu den Bildern, die viele Deutsche gerne von ihrem Land zeichnen oder gezeichnet bekommen: viel zu abweisend, noch immer integrationsfeindlich, diskriminierend, jedenfalls ohne wirkliche „Willkommenskultur“. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Wer Arbeit finden will, dem haben sich selten so gute Möglichkeiten geboten wie jetzt. Wer sich einfügen will, dem werden keine Hindernisse in den Weg gelegt.

          Jeder dritte junge Ausländer bleibt ohne Berufsabschluss

          Warum Wahrnehmung und Wirklichkeit auseinanderfallen, liegt an einer anderen Zahl. Mehr als ein Drittel der Jugendlichen, die nach Deutschland kommen, aber im Ausland geboren sind, können nur schlecht Deutsch – sprechen, lesen, schreiben. Jeder dritte junge Einwanderer bleibt ohne Berufsabschluss.

          Das sind dreimal so viele wie junge Deutsche. Diese Zahl wirft nicht nur einen Schatten auf die Generationen, die den Eingewanderten folgen und die schon das eigentliche Integrationsproblem früherer Einwanderungswellen waren. Sie beantwortet auch die Frage etwas weniger freundlich, ob hier ein Deutschland heranwächst, wie es sich die Deutschen – die alteingesessenen und die eingewanderten – wünschen können.

          Die Reaktionen auf solche Fehlentwicklungen fallen so unterschiedlich aus, wie man sich dieses künftige Deutschland vorstellt. Die einen setzen auf ein Gemeinwesen, das von der Selbständigkeit und Freiheit seiner Bürger lebt, die anderen auf eines, das Gleichheit und Fürsorge garantiert.

          Vielleicht wollen sich die Jugendlichen nicht integrieren?

          Die einen suchen die Ursachen deshalb eher bei den Ausländern, von denen sie mehr Initiative verlangen, die anderen eher bei den Deutschen, von denen sie mehr Zuwendung erwarten. Nirgends wird das so deutlich wie in der Auseinandersetzung darüber, warum junge Ausländer (oder junge Deutsche mit Migrationshintergrund) keinen Ausbildungsplatz finden.

          Das Argument, sie würden wegen ihres Namens diskriminiert, scheint unwiderstehlich zu sein. Warum kommt nicht viel häufiger auch anderes zur Sprache, das wesentlich lebensnäher ist? Etwa, dass viele Jugendliche einfach nicht wollen, sondern lieber „hartzen“? Dass die Eltern ganz offenbar versagt und versäumt haben, ihren Kindern beizubringen, dass sie gutes Deutsch lernen müssen, um hierzulande eine Chance zu haben?

          Oder dass in den Schulen noch immer etwas grundfalsch läuft? Oder dass nicht politisches Mitleid oder willkommenskulturelle Streicheleinheiten zum Erfolg führen, sondern klare Anforderungen, gute Leistungen, konsequente Regeln und der Respekt vor Gesellschaft und Gesetzen?

          Einwanderungspolitik nach Camerons Vorstellung

          Einwanderung lässt sich nur begrenzt „steuern“, und nicht jede Form von Einwanderung kann an denselben Prinzipien gemessen werden. Wer aus seiner Heimat flieht, um Krieg und Hunger zu entgehen, der hat erst einmal andere Bedürfnisse als der EU-Bürger, der Arbeit sucht.

          Doch spätestens in der zweiten Generation entscheidet sich, ob Einwanderung mehr oder weniger dem Zufall überlassen wird oder aber „kontrolliert, fair und im Einklang mit dem nationalen Interesse“ geschieht, wie es der britische Premierminister David Cameron in der vergangenen Woche für Großbritannien und die EU forderte.

          Tut sie das nicht, setzt also Einwanderungspolitik nicht schon in der ersten Generation mit einer klaren Linie an, verändert sie das Land in eine Richtung, die nicht zu mehr Selbstbestimmung und Freiheit seiner Bürger führt, sondern zu mehr staatlichen Eingriffen, Überwachung und Verwaltungsaufwand – oder, wegen Überforderung, zum Verlust staatlicher Autorität.

          Das Land sollte weder Sozialingenieuren noch Rechtspopulisten überlassen werden

          Es ist kein Widerspruch, dass ausgerechnet die Befürworter von Selbsthilfe, Freiheit und Anpassung auf eine „unfreie“, also reglementierte Einwanderung dringen. Und es ist kein Widerspruch, dass Befürworter einer mehr oder weniger ungezügelten Einwanderung auch die Sozialingenieure sind, die im staatlichen Mehraufwand, in der nacheilenden Steuerung oder vorbeugenden Kontrolle der Gesellschaft nichts Schlechtes erkennen können.

          Der Widerstand, den ein wachsender Rechtspopulismus gegen diese Bevormundung durch sorglose Eliten richtet, gehört auch schon zu dem anderen Deutschland, das langsam, aber sicher entsteht. Damit dieses andere Deutschland ein Deutschland bleibt, das man sich wünscht, sollte es nicht ihnen und dem Zufall überlassen bleiben.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

          Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.

          Rückschlag für Paris : Neymar macht Tuchel das Leben schwer

          Paris ist schon seit einiger Zeit nicht mehr das Fußball-Paradies für den deutschen Trainer. Seine Reputation in der Öffentlichkeit und die Autorität innerhalb des Klubs sind beeinträchtigt. Und dann ist da ja noch Neymar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.