https://www.faz.net/-gpf-7wdo9

Geschäft mit Entführung : Boom mit Lösegeldversicherungen

  • -Aktualisiert am

Im Fokus der IS: Ein Mitarbeiter einer Ölfirma im Irak. Bild: AP

Die Enthauptungsvideos des IS haben einen regelrechten Boom mit Lösegeldversicherungen ausgelöst. Auch Deutsche Unternehmen versichern ihre Mitarbeiter gegen Entführungen.

          5 Min.

          Das Geschäft mit Entführungen boomt. Nicht nur Islamisten verdienen damit viele Millionen Euro. Auch in den Heimatländern der Entführungsopfer ist eine Branche entstanden, die an den Fällen mitverdient. Sie versichert vor allem Unternehmen, aber auch Privatleute und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen gegen Kidnapping. Der Markt wächst – gerade in Deutschland. Und die Islamisten im Irak haben ihren Anteil daran.

          Im Geschäft sind hierzulande die Großen der Versicherungsbranche: Allianz, HDI Gerling und Ergo aus Deutschland, dazu Hiscox aus Großbritannien sowie AIG und Chubb aus den Vereinigten Staaten. Sie haben sogenannte „Kidnap&Ransom“-Policen im Angebot, zu deutsch Entführung und Lösegeld, abgekürzt K+R. Im Entführungsfall kommt die Versicherung dann für die Kosten auf, die dem Versicherten durch den Einsatz von Krisenberatern und Verhandlungsführern sowie durch Lösegeldzahlungen entstehen.

          Das Geschäft dümpelte vor sich hin

          Die Kosten für eine K+R-Police hängen von verschiedenen Faktoren ab, etwa von der Anzahl der Mitarbeiter, die ein Unternehmen in ein Krisengebiet schicken will. Maßgebliches Kriterium bei der Preisgestaltung ist jedoch die Sicherheitslage am Ort. Sie wird von Sicherheitsfirmen im Auftrag der Versicherer quartalsweise bewertet und in einem Ranking der Länder zusammengefasst, in denen das Entführungsrisiko am höchsten ist. Derzeit belegen Mexiko und Nigeria die ersten Plätze.

          Die Versicherungen bieten unterschiedliche Pakete an. Eine einfache Krisenvorsorgeberatung kostet 3000 Euro, das Rundumpaket mit Lösegeldversicherung und Verhandlungsteam schlägt mit jährlich 250.000 Euro zu Buche. Die Deckungssummen reichen von mindestens drei bis maximal 50 Millionen Euro pro Versicherungsfall. Das sieht nur auf den ersten Blick hoch aus. Wenn sich die Verhandlungen mit den Geiselnehmern hinziehen, über Monate ein Krisenberaterteam bezahlt und schließlich ein hohes Lösegeld übergeben werden muss, können schnell mehrere Millionen Euro fällig werden, sagt ein Experte für Entführungsfälle. Nicht jedes Unternehmen könnte eine solche Summe aus der Portokasse zahlen. Gerade für Mittelständler sei eine Risikoabsicherung eine gute Alternative.

          Das Geschäft dümpelte in Deutschland lange vor sich hin. Dann trafen zwei Entwicklungen zusammen, die dem Business einen Schub gaben. Erstens: Deutsche Unternehmen, vor allem Mittelständler, expandierten zunehmend in ausländische Märkte, die für sie bisher nicht interessant oder zugänglich waren. Zweitens: Viele dieser Märkte liegen in zunehmend unsicheren Gebieten, etwa in der arabischen Welt.

          Lange waren Lösegeldversicherungen verboten

          Von einem echten Boom kann man aber erst sprechen, seit der „Islamische Staat“ über das Internet Enthauptungsvideos verbreitet. „Seitdem ist das Interesse an diesen Versicherungen geradezu explosionsartig gestiegen“, sagt Anne Deiter, Expertin für Entführung und Erpressung beim Versicherungsmakler AON. Die Gruselbilder hätten bei vielen Unternehmen einen „Hallo-Wach-Effekt“ erzeugt und schlagartig ihre Bereitschaft erhöht, in den Schutz der Mitarbeiter im Ausland zu investieren. Manchmal hört man es in der Branche noch drastischer: Die Islamisten seien derzeit der beste Werbeträger.

          Insgesamt dürften seit 1998 mehr als tausend K+R-Verträge allein in Deutschland geschlossen worden sein. Wie viele Neuabschlüsse es gibt, lässt sich freilich schwer beziffern. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft erfasst nach eigenen Angaben diese Zahlen nicht, und die Unternehmen halten sich bedeckt.

          Bis 1998 waren Lösegeldversicherungen in Deutschland verboten, weil sie als sittenwidrig und unmoralisch galten. Dann musste das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen den deutschen Markt für K+R-Versicherungen freigeben, weil es die EU so entschieden hatte. Die Mitgliedstaaten wollten einen einheitlichen europäischen Binnenmarkt für Versicherungen schaffen. Weil der Markt in Großbritannien schon für Lösegeld-Policen geöffnet war, mussten diese Produkte auch in den anderen EU-Ländern erlaubt werden.

          Weitere Themen

          Sorge um Corona-Tests

          In der Pandemie : Sorge um Corona-Tests

          Bürokratie und Zulassungsregeln setzen in der Corona-Krise dem deutschen Mittelstand zu. Aus einer neuen DIHK-Umfrage geht aber noch mehr hervor.

          EU sichert sich weitere Impfdosen Video-Seite öffnen

          Corona : EU sichert sich weitere Impfdosen

          Die EU-Kommission hat einen Vertrag über 160 Millionen Corona-Schutzimpfungen mit dem amerikanischen Hersteller Moderna geschlossen.

          Topmeldungen

          Hildburghausen in Thüringen

          Corona in Ostdeutschland : Hildburghausen schließt sich ein

          Lange gab es im Osten kaum Corona-Fälle, doch nun häufen sich dort die Infektionen. Ausgerechnet während des „Lockdown light“ steigen die Zahlen teils dramatisch. Einen Landkreis in Thüringen trifft die Pandemie besonders stark.
          Scheinbar kühlschranktauglich: der in Oxford entwickelte Corona-Impfstoff

          Anti-Corona-Serum aus Oxford : Haben die Briten den Impfstoff für alle?

          Es passt nicht in das britische Selbstverständnis, dass deutsche und amerikanische Forscher zuerst einen Impfstoff präsentiert haben. Also preist man im Königreich die Kühlschranktauglichkeit der Substanz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.