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Deutsche und Muslime : Die dritte Kultur

Auch Bundespräsident Wulff hat nun seine „Ruck-Rede“ gehalten. Die nichtmuslimischen Bewohner, mindestens aber Politiker Deutschlands, scheint Wulff jedoch eher sediert zu haben.

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          Von wegen nur von Rau abgeschaut: Nun hat auch Bundespräsident Wulff seine Ruck-Rede gehalten, jedenfalls nach dem Urteil des Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime. Der erwartet, dass nach Wulffs Umarmung vom Sonntag ein „Ruck“ durch die muslimische Gesellschaft gehen werde. Doch wozu wird sie ihr Präsident, die Rede ist hier vom deutschen, „aufrütteln“?

          Die nichtmuslimischen Bewohner, mindestens aber Politiker Deutschlands, scheint Wulff eher sediert zu haben. Sein epochaler Satz, der Islam gehöre inzwischen auch zu Deutschland wie „zweifelsfrei“ das Christentum und das Judentum, rief jedenfalls nur vereinzelt Widerspruch hervor. Wer ganz sicher gehen will, muss nach diesem Präsidenten-Wort in Zukunft von der christlich-jüdisch-muslimischen Kultur Deutschlands sprechen. Wann wird die CDU-Vorsitzende die vierte Wurzel ihrer bunten Partei entdecken? Der Generalsekretär der FDP trötete schon einmal von einer „neuen deutschen Identität“.

          Die offene Hand soll auch eine eiserne sein

          Es scheint, als habe der große Polarisierer Sarrazin die politische Kaste fest zusammengeschweißt: Alle wollen den Muslimen die Hand reichen, an erster Stelle jene, die ihre Politik auf das christliche Menschenbild gründen. Die offene Hand, das machten der Präsident am Sonntag und die Kanzlerin am Montag deutlich, soll aber auch eine eiserne sein. Wer unsere Werte verachte, müsse mit entschlossener Gegenwehr rechnen, sagte Wulff.

          Er meinte die Werte des Grundgesetzes, das auf den Säulen der griechisch-römischen Philosophie, der Aufklärung und der christlich-jüdischen Kultur ruht. Seit Sarrazin gilt es als angeblich „längst“ ausgemacht, dass die Muslime in Deutschland den Wertekatalog des Grundgesetzes achten müssen. Was aber wird sein, wenn die dritte, nunmehr von höchster Stelle anerkannte Religion in Deutschland fordert, nun müssten auch ihre Werte geachtet werden, und zwar von allen?

          Auf diese Frage, die viel mehr Menschen viel stärker umtreibt, als man sich das in Berlin offenbar vorstellen kann, haben bisher weder der erste Mann noch die erste Frau im Staate Antworten geben können, die zur Beruhigung der Besorgten taugen. Während sich alle um die von Sarrazin kritisierte Minderheit kümmern, bleibt eine sich bedrängt fühlende Mehrheit politisch unbetreut. Kaum ein Satz ist in den vergangenen Tagen so oft und gerne zitiert worden wie „Wir sind das Volk“. Er könnte noch nicht ganz ausgedient haben.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

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