Deutsche Sicherheitspolitik : Wann raffen wir uns endlich auf?
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Eine Armee muss kämpfen können: Ein Bundeswehrsoldat 2008 auf einem gepanzerten Fahrzeug des Typs „Dingo“ in Afghanistan Bild: dpa
Nur das tun, was gerade nötig ist. Und bloß keine Kampfeinsätze. Die Friedensliebe unseres Staates bringt uns überallhin. Nur nicht in eine sichere Zukunft. Ein Gastbeitrag.
Die Indizien sind Legion: Wir Deutschen sind offensichtlich nicht mehr in der Lage, vom vermeintlichen Pfad des allesverstehenden Gutmenschen abzuweichen. Jene perpetuierte Gutmenschlichkeit, sozusagen die „2.0-Abbitte für Adolf Hitler“, hat unser Land auf einen für unsere Nachbarländer und Alliierten schwer erträglichen Staatskurs gebracht. Treten wir nicht immer öfter besserwisserisch, arrogant und moralinsauer auf? Im Bewusstsein, dass wir heute die Friedfertigen sind, und dass die anderen uns folgen sollten? Was für eine dramatische Fehleinschätzung der Weltlage! Mit zunehmender Weltbevölkerung in einer seelenlos agierenden digitalen Welt kann dies schon bald zur negativen Umkehrung deutschen Ansehens führen.
Die Frage liegt auf der Hand: Wann wird sich die Bundesrepublik Deutschland zu einer selbstbewussten politischen Grundhaltung aufraffen können? Natürlich ist unser moralisches Eintreten für die im deutschen Namen begangenen Greuel nach wie vor richtig – so wie jüngst die Entschuldigung im Bundestag für die Verbrechen an den Herero und Nama vor mehr als 100 Jahren. Aber wann können wir die 70 Jahre lang ausgeübte „Kultur der Schuld“ in eine angemessene selbstbewusste und rational gesteuerte Staatsphilosophie transferieren? Wie wäre ein solcher Prozess einzuleiten – oder sind wir weiterhin zur weltweit einzigartigen Büßerrolle verdammt?
Während des Kalten Krieges war die Welt noch in Ordnung. Mit einer Bundeswehr von knapp einer halben Million Soldaten, dazu hunderttausenden Reservisten, stellte die Bundesrepublik einen beachtlichen Anteil der konventionellen Verteidigung Mitteleuropas. Von den Nato-Bündnispartnern wurde die damalige Wehrpflichtarmee anerkannt, von den sowjetischen Streitkräften respektiert – zum Beispiel in Bezug auf dort nicht vorhandene Panzerabwehrhubschrauber (PAH) sowie für den im Warschauer Pakt undenkbaren militärischen Führungsstil, genannt Auftragstaktik. Aus internationalen Konflikten hielten wir uns grundsätzlich fern, Rüstung und die Ausbildung der Soldaten waren primär auf Landesverteidigung orientiert. Die Bedrohung war klar – zur Abwehr der zahlenmäßig überlegenen Panzerkräfte des Warschauer Paktes verfügte die Bundeswehr über circa 4500 Panzer. Heute sind es noch zwischen 225 und 300.
Unmittelbar nach dem Fall der Mauer diskutierte man im Verteidigungsministerium auch auf Referentenebene über die neue Weltlage. Informell kam es Anfang 1990 zu einer Besprechung von fünf Offizieren. Man wollte ein jahrzehntelang gewohntes Weltbild inoffiziell überdenken und sich der neuen Weltlage annähern.