https://www.faz.net/-gpf-u6lr

Deutsche Geschichte(n) : Auf der Flucht erschossen

  • -Aktualisiert am

Die Warnschilder in der bulgarischen Grenzzone waren zweisprachig Bild: BStu

Wenn in Deutschland von „Mauertoten“ und „Republikflucht“ die Rede ist, sind meist Vorgänge an der innerdeutschen Grenze gemeint. Viele DDR-Bürger versuchten aber auch, über die Grenzen sozialistischer Bruderländer in die Freiheit zu gelangen - etwa über Bulgarien. Von Stefan Appelius.

          Mit dem Thema Republikflucht hat sich die bulgarische Regierung bisher nur einmal befaßt: Am 21. Februar 1992 berichtete Verteidigungsminister Dimitar Ludschew von der Union Demokratischer Kräfte (SDS) der Abgeordneten Virginia Weltschewa (SDS) in einer Fragestunde des Parlaments, daß mindestens 339 bulgarische Staatsbürger von Angehörigen der Grenztruppen getötet worden seien. Außerdem hätten bulgarische Grenztruppen 36 Ausländer - nach Ludschews Worten vor allem Urlauber aus der DDR - „beim Fluchtversuch“ erschossen. Der Minister fügte hinzu, daß die Unterlagen, die ihm zur Verfügung stünden, unvollständig seien. Über die Jahre 1969, 1973, 1979 sowie den Zeitraum von 1986 bis 1989 gebe es keine Aufzeichnungen. Ludschew sprach von einem „schrecklichen Verbrechen“, doch Innenminister Jordan Sokolow (SDS) relativierte diese Feststellung sogleich: Die Todesschüsse an der Demarkationslinie seien legal und die Grenzsoldaten laut Erlaß 359 vom 28. August 1952 ermächtigt gewesen, alle Fluchtversuche mit Waffengewalt zu unterbinden.

          Wie viele Deutsche bis 1989 aus der DDR über Bulgarien nach Griechenland, in die Türkei oder nach Jugoslawien zu fliehen versuchten, ist bislang noch nicht ermittelt worden. Nach den Akten der „Zentralen Koordinierungsgruppe“ des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS), die in der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR aufbewahrt werden, gelang zwischen 1965 und 1970 insgesamt 265 DDR-Bürgern die Flucht über Bulgarien in den Westen. In jenen Jahren verbreitete sich in der DDR anscheinend das Gerücht, es sei besonders einfach, über Bulgarien in den Westen zu gelangen. Angeblich würden die bulgarischen Grenzer noch „auf Eseln reiten“ und nach einem Glas Rakia beide Augen zudrücken, während sich die DDR-Bürger in den Westen absetzten. Die Zahl der Fluchtversuche stieg daraufhin an, zumal die innerdeutsche Grenze seit 1971 aufgrund der Verlegung von Splitterminen noch undurchdringlicher geworden war.

          Verurteilung in der DDR

          Für mehr als 2000 DDR-Bürger indes endete der Fluchtversuch über Bulgarien mit einer Freiheitsstrafe. Sie wurden mit Sonderflugzeugen von Bulgarien in die DDR zurückgebracht und dort verurteilt. Viele wurden später von der Bundesregierung freigekauft und konnten in die Bundesrepublik übersiedeln.

          Über die Zahl der Todesopfer an der bulgarischen Grenze gehen die Angaben weit auseinander. Während Ludschew unter den 36 erschossenen Ausländern mehrheitlich Deutsche vermutete, waren der „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ im Sommer 2005 nur elf Personen namentlich bekannt. Nach privaten Recherchen ist die Zahl der namentlich bekannten Opfer mittlerweile auf 15 gestiegen. Sie dürfte jedoch wesentlich höher sein.

          Soviel ist sicher: Nach dem Umsturz 1944 waren die bulgarischen Grenzen zunächst von Einheiten der neu entstandenen „Volksarmee“ bewacht worden. Mitte August 1946 wurde unter dem Eindruck vieler Fluchtversuche eine spezielle Grenzarmee geschaffen, die dem Innenministerium unterstellt war. Offiziell hieß es damals, die Grenzarmee solle „das Eindringen staatsgefährlicher Elemente nach Bulgarien“ verhindern.

          „Kopfgeld“ für Denunzianten

          Schon seit 1944 war die Grenze zur Türkei hermetisch abgeriegelt. Die Grenze zu Griechenland dürfte von 1948 an praktisch unüberwindbar gewesen sein. Am 1. Juli 1950 sperrte Bulgarien auch die Grenze zu Jugoslawien. Zugleich wurden die im Grenzgebiet lebenden Bauern mobilisiert. Sie bildeten fortan einen „Grenzsicherheitsschutz“, eine Art zivile Hilfstruppe, die es „Spionen“ erschweren sollte, sich im Grenzgebiet aufzuhalten. Wer einen Flüchtling verriet, wurde mit einem „Kopfgeld“ belohnt.

          Weitere Themen

          DDR-Grenzopfer in Bulgarien Video-Seite öffnen

          Erschossen und vergessen : DDR-Grenzopfer in Bulgarien

          Fast 700 DDR-Bürgern ist die Flucht in den Westen über die bulgarisch-griechische Grenze gelungen, mindestens 21 wurden beim versuchten Grenzübertritt getötet. Die meist jungen Opfer sind heute weitgehend vergessen.

          Topmeldungen

          Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

          Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.

          Rückschlag für Paris : Neymar macht Tuchel das Leben schwer

          Paris ist schon seit einiger Zeit nicht mehr das Fußball-Paradies für den deutschen Trainer. Seine Reputation in der Öffentlichkeit und die Autorität innerhalb des Klubs sind beeinträchtigt. Und dann ist da ja noch Neymar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.