https://www.faz.net/-gpf-75y44

Deutsche Fragen, Deutsche Antworten : Schleichende Zunahme des Antiamerikanismus

  • -Aktualisiert am

Hektik, Stress und Oberflächlichkeit

Dies zeigt sich an den Antworten auf eine Frage, bei der die Interviewer eine Liste mit 21 Eigenschaften vorlegten, die man Ländern zuordnen kann. Die Befragten wurden gebeten anzugeben, welche dieser Eigenschaften auf die Vereinigten Staaten zutreffen. 77 Prozent wählten die Aussage „Viel Kriminalität“ aus (was wahrscheinlich nicht als Reaktion auf den Amoklauf in Newtown gewertet werden kann, denn als die Frage im Jahr 2003 gestellt wurde, entschieden sich sogar 85 Prozent für diese Antwort).

An zweiter Stelle der den Vereinigten Staaten zugeordneten Eigenschaften stehen gleichauf „Schöne Landschaften“ und „Große soziale Ungerechtigkeiten“. Zu den häufiger genannten Punkten gehören auch „Viel Hektik, Stress“ (45 Prozent) und „Oberflächlichkeit“ (42 Prozent). Dass die Vereinigten Staaten ein Land mit großer Tradition seien, meinen dagegen nur 23 Prozent der Deutschen; dass sie ein Land seien, in dem es sich gut leben lasse, glauben 19 Prozent.

Gebildete Leute vermuten 17 Prozent in den Vereinigten Staaten, eine hochstehende Kultur ganze 8 Prozent. Vor allem die letzten beiden Punkte lassen sich angesichts der enormen wissenschaftlichen und kulturellen Leistungen, die in den Vereinigten Staaten erbracht wer-den, aber auch beispielsweise mit Blick auf die im Vergleich zu Deutschland außerordentlich gut entwickelte Bibliothekskultur letztlich nur als Ausdruck einer massiv verzerrten Wahrnehmung deuten.

Antiamerikanismus macht sich breit

Es gibt Hinweise darauf, dass die negativen Stereotype die Wahrnehmung der Vereinigten Staaten seit einigen Jahren in zunehmendem Maße prägen. Eine Frage lautete: „Wenn jemand sagt, kein Land tritt immer wieder so für die Demokratie ein, ist ein so starker Verfechter von Freiheit und Menschenrechten wie die Vereinigten Staaten. Würden Sie da zustimmen oder nicht zustimmen?“ Im Jahr 1993 antworteten mit „Würde zustimmen“ 40 Prozent der Deutschen, heute sind es noch 31 Prozent.

In der gleichen Zeit ist der Anteil jener, die glauben, die Vereinigten Staaten seien „nach wie vor das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo jeder Einzelne die Chance hat, sein Glück zu machen“, von 40 auf 35 Prozent zurückgegangen. Von 68 auf 72 Prozent zugenommen hat dagegen die Zahl derer, die der Aussage zustimmen, die Amerikaner seien „als Konsum- und Wegwerfgesellschaft ein abschreckendes Beispiel für den Rest der Welt“.

So ist auch die Entwicklung der Antworten auf die Frage „Sind die Vereinigten Staaten für uns heute ein Vorbild oder würden Sie das nicht sagen?“ nur folgerichtig: 1997 empfanden noch 30 Prozent der Deutschen die Vereinigten Staaten als Vorbild, heute sind es noch 11 Prozent.

Man bekommt den Eindruck, dass das Verhältnis der Bürger zu den Vereinigten Staaten in den letzten Jahren nicht ausreichend gepflegt worden ist. Innerhalb Europas halten wir klischeehafte negative Charakterisierungen für unangemessen und nicht akzeptabel - ob es um ethnische oder religiöse Minderheiten geht, um Geschlechterrollen, die sexuelle Orientierung, die Hautfarbe oder Nachbarvölker.

Anscheinend gibt es aber wenig Widerspruch, wenn Amerikaner in der Öffentlichkeit pauschal als dumm, unsozial und kulturlos beschrieben werden. Wem das deutsch-amerikanische Verhältnis am Herzen liegt, dem kann diese Entwicklung nicht gleichgültig sein. Wer der Verbreitung negativer Zerrbilder nicht entgegentritt, darf sich nicht wundern, wenn sich allmählich ein Klima des Antiamerikanismus breitmacht.

Weitere Themen

Der Impfstoff ist Macht

FAZ Plus Artikel: Diplomatie mit allen Mitteln : Der Impfstoff ist Macht

Überall entwickeln Forscher gerade Corona-Impfstoffe, sie werden auf der ganzen Welt gebraucht. Zwar geben sich Regierungen gerne generös. Doch in der Praxis verbinden viele die Verteilung des Vakzins mit politischen Interessen.

Topmeldungen

Moral und Demokratie : Wenn politische Lager zu Feindesland werden

Die Krise würfelt beim Verhältnis von Wissenschaft, Moral und Demokratie einiges durcheinander. Die moralische Neucodierung politischer Konflikte macht es den Bürgern nicht leichter, sich als Retter der Demokratie ins Zeug zu legen. Ein Gastbeitrag.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.