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Deutsche Einheit : Ossis und Wessis

In den Köpfen der Deutschen steht die Mauer noch Bild: dpa

Der „Ossi“ ist passiv, pessimistisch und paranoid - Vorurteile wie diese sind fest in den Köpfen der Westdeutschen verankert. Der Mauerfall hat das Land nicht geeint: Ost und West bleiben sich fremd, weil das Interesse aneinander schon lange erloschen ist.

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          Wie schöpferisch ging es doch zu beim Untergang der DDR. Sogar die Sprache wurde belebt. Wörter wie Mauerspecht und Wendehals bekamen neue Inhalte. Und Wortneuschöpfungen entstanden, von denen vor allem „Wessi“ und „Ossi“ sich als unerwartet langlebig erwiesen haben. Was zunächst liebevoll gemeint war, ist längst zum Schimpfwort geworden. „Wessi“ gilt als so böse, dass das Wort im Osten auch jemanden treffen kann, der beileibe kein Westdeutscher ist. Deutlich seltener wird im Westen vom „Ossi“ gesprochen, aber auch dann ist es zumeist abwertend oder herablassend gemeint. Wessi und Ossi stehen als Begriffe für den merkwürdigen Umstand, dass vor zwanzig Jahren die reale Betonmauer durch eine imaginäre Mauer in den Köpfen ersetzt wurde. Die Betonmauer war in einer Nacht durchlöchert und in wenigen Monaten abgetragen.

          Unterentwickelt und schmutzig

          Die Mauer in den Köpfen ist wahrscheinlich in Jahrzehnten nicht zu überwinden. Schon deshalb nicht, weil inzwischen das gegenseitige Interesse aneinander weitgehend erloschen ist. Etwa die Hälfte der Westdeutschen war nach wie vor nie im Osten. Umgekehrt ist der Reisestrom der Ostdeutschen in den Westen versiegt. Zwar gibt es eine Durchmischung - viele Ostdeutsche leben längst im Westen, viele Westdeutsche zogen in den Osten -, dennoch bleiben die Vorurteile bestehen.

          Die Einigkeit liegt noch in weiter Ferne
          Die Einigkeit liegt noch in weiter Ferne : Bild: dpa

          Allerdings trafen 1990 auch zwei gegensätzliche Welten aufeinander. Für die Ostdeutschen änderte sich beinahe alles, für die Westdeutschen so gut wie nichts. Die Westdeutschen hatten sich für die DDR auch früher kaum interessiert und schon immer gewusst, dass sie die Sieger der Geschichte sein würden.

          Und die westliche Haltung zum Osten war nicht nur durch die negative Berichterstattung über die DDR geprägt. Lange vor 1945 schon galten die ostelbischen Gebiete als ländlich und unterentwickelt, mit ein paar schmutzigen Industrieinseln darin.

          „Ossis“ für alles Schlechte verantwortlich gemacht

          Der amerikanische Historiker Greg Eghigian, der seit seinem Studium in der Bundesrepublik, das in die Zeit des Mauerfalls fiel, die deutsche Entwicklung aufmerksam verfolgt, stellte fest, es sei dem Westen gelungen, fast alle negativen Seiten der gesellschaftlichen Entwicklung auf den Osten abzuschieben. Tatsächlich sind in der öffentlichen Wahrnehmung Ausländerhass und Rechtsextremismus, ja sogar Babymorde, Arbeitslosigkeit, Armut, Alkoholismus und Brutalität inzwischen ostdeutsche Probleme, obgleich sie natürlich auch im Westen vorkommen.

          Eghigian meint wohl zu Recht, das geschehe nicht böswillig, sondern zeige vielmehr, dass noch unverdrossen in Kategorien des Kalten Krieges gedacht werde. Aber die Ostdeutschen hatten auch nicht die Kraft, das Bild grundsätzlich zu ändern.

          Zum einen hinderte sie daran der Schock, den die Übernahme durch den Westen bei ihnen auslöste, vor allem durch die oft negativen Erfahrungen mit Westdeutschen, die zuerst in den Osten kamen, um dort bundesdeutsche Strukturen aufzubauen. Zum anderen fiel die Selbstanalyse so aus, dass sie nicht gerade das Selbstbewusstsein stärkte.

          Ein gestürztes Volk

          Diese Analyse lieferte der Psychologe Hans-Joachim Maaz aus Halle mit seinen Büchern „Der Gefühlsstau“ und „Das gestürzte Volk oder die verunglückte Einheit“. Er schilderte darin das emotionale Eingemauertsein der Ostdeutschen. Die Westdeutschen konnten sich durch Maaz in ihrer Ansicht bestätigt sehen, dass die Ossis zumeist deformierte Persönlichkeiten hätten. Die Ostdeutschen aber fanden sich in seiner Darstellung durchaus erkannt - und keineswegs deformiert.

          Zehn Jahre nach der Vereinigung wurden den Ostdeutschen im Westen schon vier „Ps“ zuerkannt: passiv, pazifistisch, pessimistisch und paranoid. Die Hoffnung, das würde sich mit der folgenden Generation erledigen, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil, es trat ein, was die Psychologen schon von den Kriegsheimkehrern und Vertriebenen kannten: Das Unausgesprochene aus der einen Generation belastet die nächste.

          Ostdeutsche Erfahrungen haben Deutschland verändert

          Noch etwas musste zu Missverständnissen zwischen Ossis und Wessis führen: Ostdeutsche haben durch ihre abgeschirmte einstige Welt gemeinsame Erfahrungen. Worte wie „FDJ“, „NVA“, „Renft“ oder „Straße der Besten“ genügen, um Biographien vor sich zu sehen.

          Westdeutsche hingegen haben dank ihrer offenen Gesellschaft sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. So erscheinen ihnen Ossis einfältig, weil jeder irgendwie immer das Gleiche erzählt. Offenbar ist das so langweilig, dass über ostdeutsche Erfahrungen öffentlich kaum noch gesprochen wird.

          Da fällt gar nicht auf, wie die Ossis die bundesdeutsche Gesellschaft dennoch verändern. Gäbe es ohne den Osten eine so engagierte Debatte über die Vereinbarkeit von Kind und Beruf? Würde über Ärztehäuser nachgedacht ohne die Polikliniken? Ist das Schulsystem nicht auf dem Weg zur „Polytechnischen Oberschule“ nach DDR-Modell? Gäbe es so viele Rekonstruktionen verlorener historischer Bauten ohne das Misstrauen der plattenbaugeschädigten Ostdeutschen gegenüber moderner Architektur?

          Längst haben also ostdeutsche Erfahrungen die Bundesrepublik mit verändert. Doch „Wessi“ und „Ossi“ werden wohl noch eine Weile Kampfbegriffe bleiben.

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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