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Deutsche Dschihadisten : Mit kriegerischem Gruß aus Dinslaken ins Paradies

Dschihadist Philip B. (Abu Osama) aus Dinslaken Bild: Screenshot Youtube

Die Radikalisierung und Brutalisierung deutscher Dschihadisten nimmt immer beängstigendere Formen an - Videos im Internet preisen Massenerschießungen und Enthauptungen. Offenbar haben nun zwei Deutsche im Irak Selbstmordattentate verübt.

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          Silvio K. sendet weiter Mordaufrufe. Der deutsche Extremist hatte zuletzt öffentlichkeitswirksam in einer Internetbotschaft über Anschläge in Deutschland und mögliche Ziele schwadroniert. Die jüngste Meldung, dass der Verfassungsschutz die offizielle Zahl der bekannten nach Syrien ausgereisten Extremisten noch einmal auf 400 nach oben korrigiert hat, kommentierte er am Freitag mit den Worten: „Viele von uns sind längst zurück, ohne dass ihr sie kennt.“

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          K. ist seit langem als Teil der Salafistenszene bekannt. Ermittler sagen, er sei eher einer der Wasserträger gewesen, bevor er nach Syrien zog. Manchen gilt er sogar als Spinner – als gefährlicher Spinner, denn der Extremist hat inzwischen als deutscher Propagandist der Terrorgruppe Islamischer Staat traurige Bekanntheit erlangt. Die Radikalisierung und Brutalisierung deutscher Dschihadisten nimmt immer beängstigendere Formen an.

          Im Internet verbreitete Videos preisen Massenerschießungen und Enthauptungen. Und es gibt Filme, die zeigen, wie sich Extremisten aus Deutschland selbst in die Luft sprengen. So, wie es wohl Rashid B. getan hat, wie ein nun aufgetauchtes Video zeigt. Ein 27 Jahre alter Student aus Frankfurt. Rashid B. war den Sicherheitsbehörden als Extremist der „Kategorie A“ bekannt. Als durch und durch radikalisierter und bis zum Äußersten gewaltbereiter Islamist.

          Kein Rädelsführer, eher still

          Als Rashid B. sich noch in Frankfurt aufgehalten hatte, war der Deutsch-Marokkaner zwar als Mitglied der salafistischen Szene bekannt, galt aber eher als still. Er war kein Rädelsführer wie einige andere, die er aus diesem Umfeld kannte. Er fiel noch nicht einmal durch besonders radikale Äußerungen oder Aktionen auf – bis er ausreiste. Hinweise auf eine Ausreise sowie einen geplanten Anschlag hätten nicht vorgelegen, heißt es beim hessischen Verfassungsschutz. „Zu keinem Zeitpunkt gab es Erkenntnisse, die eine Ausreiseverhinderung möglich gemacht hätten.“

          Zielstrebig knüpfte Rashid B. in Syrien Kontakte zu Anhängern der Terrorgruppe Islamischer Staat. Es wird vermutet, dass er sich in diesem Umfeld rasch weiter radikalisierte, bis er schließlich bereit war, ein Selbstmordattentat zu verüben. Eine offizielle Bestätigung seines Todes gibt es nicht. Aber die Behörden halten das nun aufgetauchte Video, das den Anschlag zeigt, für glaubwürdig. Vor einigen Wochen hatte ein hessischer Staatsschützer am Rande einer Veranstaltung zum Thema Salafismus geäußert, die Polizei habe derzeit so viele Fälle, dass sie kaum nachkomme.

          Womöglich einer zweiter deutscher Attentäter

          Einer sei gerade „besonders brisant“. Gemeint war wohl der Fall Rashid B. Denn zu diesem Zeitpunkt wussten die Behörden schon, dass er von Syrien in den Irak weitergereist war, dass er plötzlich vom stillen Studenten zum verrohten Kämpfer geworden war. Und auch erste Hinweise hatte es damals schon gegeben, dass Rashid B. sich und andere im Namen Gottes wohl getötet hatte. Womöglich hat in der vergangenen Woche ein weiterer Deutscher einen Selbstmordanschlag verübt. In einer Erklärung der Terrorgruppe Islamischer Staat ist von einer „Märtyreroperation“ gegen kurdische Einheiten in einer Region südwestlich von Mossul die Rede, die ein Kämpfer mit dem Namen Abu Osama al Almani (der Deutsche) geführt habe.

          Demnach griff er mit einem mit Sprengstoff präparierten Lastwagen einen Stützpunkt der Kurden an. Der Vorfall habe sich am Dienstag ereignet. Die Dschihadisten preisen in der Erklärung die „Feldzüge“ und „Eroberungen“ der vergangenen Tage. Unter dem Namen Abu Osama al Almani war unter anderen der Dinslakener Extremist Philip B. aufgetreten, der sich im Dezember 2013 in einem Propagandavideo aus Syrien zu Wort gemeldet hatte. Die Sicherheitsbehörden konnten den Tod von Philip B. am Freitag nicht bestätigen.

          Philip B. war einer der führenden Köpfe

          Von Ermittlern war zu hören, man könne das nicht mit Sicherheit sagen, es sei aber gut möglich. Philip B. war einer der führenden Köpfe einer Dschihadistenzelle aus dem Dinslakener Stadtteil Lohberg, die in zwei Wellen im vergangenen Jahr nach Syrien gereist war. Sein Facebook-Profil ist seit Wochen abgeschaltet. Dort war unter anderem ein Foto seines Kampfgefährten Mustafa K. verbreitet worden, auf dem er im syrischen Azaz lächelnd mit dem abgetrennten Kopf eines Enthaupteten posiert. Immer wieder hatte Philip B. Aufrufe veröffentlicht, ihm in den Dschihad zu folgen. B. war im Sommer 2013 nach Syrien gezogen.

          Nach Angaben aus den Sicherheitsbehörden hatte er sich recht bald nach seiner Ankunft im Kampfgebiet eine schwere Gesichtsverletzung zugezogen, möglicherweise durch eine Gewehrkugel. Fortan zeigte er sich auf Bildern nur noch mit verhülltem Gesicht oder von der Seite. In Lohberg hat sich die Nachricht vom vermeintlichen Tod des einstigen Pizzaboten schnell verbreitet.  Mutmaßliche Sympathisanten haben dort jüngst eine neue Facebook-Gruppe gegründet: IS Lohberg – Islamischer Staat Lohberg. In diesen Kreisen wird der vermeintliche Tod von Philip B. mit den entsprechenden Wünschen bedacht. Sie müssen ihn länger gekannt haben, nennen ihn noch Abu Bakr. Diesen Namen hatte B. gewählt, bevor er zu einem Star der Szene wurde. „Möge Gott ihn als Märtyrer annehmen“ oder „möge er ins Paradies gelangen“, wünschen ihm jetzt die jungen Männer in Lohberg.

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