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Deutsch-russische Beziehungen : Einseitige Freundschaft

Zu einem Schulterklopfen mit Wladimir Putin würde sich Angela Merkel - anders als Gerhard Schröder - nicht hinreißen lassen Bild: dpa

In der DDR verbarg sich hinter der demonstrativen Freundschaft zum „großen Bruder“ Angst. Heute ist das anders. Woher kommt die Sympathie für Russland und den Genossen Putin im Osten Deutschlands?

          Gibt es eine deutsch-russische Freundschaft? Manche pflegen sie. Aber verordnet ist sie zumindest nicht mehr. Die DDR war auch in diesem Punkt ein abschreckendes Beispiel. Die angebliche Freundschaft mit dem „großen Bruder“ war institutionalisiert in der „Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“, einer Massenorganisation mit Zwangsmitgliedschaft, nichts weiter als ein verlängerter Arm der SED. Reisen in die Sowjetunion wurden als Auszeichnungen vergeben, sowjetische Literatur, Filme und Künstler waren Unterrichtsstoff. Einmal hielt sich eine sowjetische Musikgruppe wochenlang auf Platz eins der DDR-Hitparade im Radio. Mit Sicherheit war das nicht das Ergebnis der Hörerabstimmung. Eingebürgert hatte sich in der DDR das Wort von den Freunden, wenn von der Sowjetunion die Rede war. Es war ein Alltagsbegriff, den kaum jemand mit Überzeugung verwendete, hinter dem sich aber auch Ironie verstecken ließ.

          Das Lob auf die Sowjetunion stand im krassen Gegensatz zur erlebten Wirklichkeit. Es gab nicht einmal Gelegenheiten für deutsch-sowjetische Freundschaften, jedenfalls keine selbstgewählten. Wer das Kriegsende miterlebt hatte, musste über seine schlimmen Erfahrungen schweigen: Mord und Selbstmorde, Vertreibung, Vergewaltigung, Lager, Reparationen. Die Feuerwalze der Roten Armee zerstörte auf dem Weg nach Berlin Städte wie Frankfurt (Oder), Prenzlau oder Demmin derart, dass die Wunden bis heute schmerzen. Und auch später gingen die schlechten Erfahrungen mit den „Freunden“ weiter. Der 17. Juni 1953 gehört dazu wie auch der Einmarsch der Roten Armee in die Tschechoslowakei. Oder der DDR-Alltag: Die Kolonnenfahrten ausgerechnet zu Feiertagen, die zu Heiligabend über den Himmel donnernden Düsenjäger, die Panzer, die immer wieder mal Zäune, Straßen und Häuser zermalmten – das alles kannte jeder.

          Populistisches Lob für Putin

          Der eigentliche Charakter der immer nur behaupteten, nie gelebten Freundschaft war nichts weiter als Angst. Es ist deshalb eine Pointe der Geschichte, dass am Ende der DDR die SED ausgerechnet mit ihrer eigenen Moskau-Treue bloßgestellt wurde. Das war, als sich die Sowjetunion unter Gorbatschow zu ändern schien: als die DDR den „Sputnik“ verbot, eine sowjetische Auslandszeitschrift, die zuvor niemand gelesen hatte, jetzt aber alle kannten, als die „Gorbi“-Rufe erklangen und der Propagandasatz „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen“ auf einmal einen revolutionären Sinn zu bekommen schien. Freilich brachte erst der Abzug der in GUS-Truppen umbenannten Sowjetbesatzer wirklich Erlösung.

          Umso erstaunlicher ist heute, welches Verständnis der Politik Putins besonders im Osten Deutschlands entgegengebracht wird, bis in die Reihen der CDU hinein. Es ist merkwürdig: Die sogenannte NSA-Affäre erschüttert die Bundesrepublik, die Abhöreinrichtungen auf der russischen Botschaft in Berlin hingegen sind nicht der Rede wert. Selbst Putins KGB-Zeit in Dresden gilt inzwischen als etwas, das Touristen interessieren könnte.

          Nicht ohne Grund war der Schweriner Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) bei Schröders russischer Geburtstagsfeier mit Putin zu Gast. In Mecklenburg-Vorpommern wird in einem russischen Oligarchen der weiße Ritter gesehen, der die Werften rettet. Sellering, der aus dem Westen kommt, setzt auf Ossi-Verstehen und weiß deshalb: Wer im Osten Deutschlands Russland lobt, zeigt vor allem seine Abneigung gegenüber dem Westen.

          Das Spiel der Linken

          Damit ist klar, worum es bei der neuentdeckten Liebe zu Russland tatsächlich geht: um Innenpolitik. Und das gilt auch für die alten Bundesländer, wenn auch nicht in dem Maß wie im Osten. Auch ist hier die Vorgeschichte eine andere. Sie hat paradoxerweise nichts mit Angst zu tun, sondern mit Freiheit. Die angebliche Liebe zu Russland und früher zur Sowjetunion ist im Westen eher ein Spiel, mit dem sich vor allem die Linke gern unterhält.

          Darf, wer sich grundgesetzlich geschützt eine andere Meinung erlauben kann, nicht für Putin und überhaupt Russland sein, wenn das nur Aufmerksamkeit bringt? Ein Lob für Putin mitten in der Krim-Krise – der Aufschrei kommt gewiss. Der frühere deutsche Kanzler Schröder hat es vorgemacht.

          Mit Russland hat das alles wenig zu tun. Die Krim ist weit weg, und wer kennt sich da schon so genau aus? Auch die Ukraine ist weit weg, und wer vermag da deutsche Interessen zu erkennen, obwohl immer wieder die Klitschko-Brüder im Fernsehen sind?

          Überhaupt war schon die einst in der DDR propagierte deutsch-sowjetische Freundschaft nicht nur hohl, sondern auch eine einseitige deutsche Angelegenheit. In gewisser Weise hat dieses ostdeutsche Erbe sogar Auswirkungen auf die aktuellen deutsch-russischen Beziehungen. Denn Bundeskanzlerin Merkel kennt das alles aus eigener Erfahrung – wie Putin. Merkel würde sich nie wie Schröder zu einem Schulterklopfen mit dem „lupenreinen Demokraten“ aus Moskau hinreißen lassen. Sie macht sich nichts vor, wenn sie auf Russland schaut. Was von Russland zu halten ist, wusste sie schon zu einer Zeit, als sie noch gar keine Politikerin war.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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