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Freispruch für Haradinaj : Kriegsverbrecher im dritten Anlauf?

Ende der neunziger Jahre war Ramush Haradinaj ein regionaler Befehlshaber der kosovo-albanischen „Befreiungsarmee Kosovo“ (UÇK). Bild: AFP

Schon zweimal wurde der kosovarische Regierungschef Ramush Haradinaj vom UN-Tribunal für das frühere Jugoslawien freigesprochen – jedoch nicht, weil man ihn für unschuldig hielt.

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          Ramush Haradinaj und der Krieg, das ist eine lange Geschichte. Im März 2005 erhob das UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag erstmals Anklage gegen Haradinaj. Der war damals, was er seit September 2017 wieder ist: Regierungschef des Kosovos. Allerdings war das Kosovo 2005 noch kein von einer Mehrheit der UN-Mitglieder anerkannter unabhängiger Staat, sondern nur, was es vor allem aus serbischer und russischer Sicht heute noch ist: ein von den Vereinten Nationen verwaltetes, völkerrechtlich Serbien zugehöriges Provisorium. Nach Bekanntwerden der Anklage im Jahr 2005 legte Haradinaj sein Amt umgehend nieder und stellte sich am nächsten Tag dem Tribunal. Damit hob er sich merklich von anderen Angeklagten dieses internationalen Gerichts ab.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Im April 2008, nur wenige Wochen nach der kosovarischen Unabhängigkeitserklärung, wurde Haradinaj freigesprochen. Einer der Richter merkte freilich an, das Gericht habe den starken Eindruck, „dass der Prozess in einer Atmosphäre stattfand, in der sich die Zeugen unsicher fühlten“. Deshalb kam es einige Jahre später zu einer Wiederaufnahme des Verfahrens mit der Begründung, während des ursprünglichen Prozesses sei zu wenig getan worden, um der Einschüchterung von Zeugen zu begegnen. Die Anklage beschuldigte Haradinaj und zwei Mitangeklagte, die im Jahr 1998 Gefangene ermordet oder gefoltert haben sollen, eine Kampagne zur Vertreibung von Serben und Roma aus ihrem damaligen Herrschaftsgebiet im Kosovo betrieben zu haben.

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