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Krieg im Jemen : Eskalation in Zeiten von Flut und Seuchen

Kämpfer der Separatisten im Süden des Jemen übernehmen am 26. April die Macht in Aden Bild: AFP

Das Coronavirus hat den Jemen erreicht – doch dort wird im Krieg eine neue Front eröffnet. In der von Saudi-Arabien angeführten Allianz gegen die Houthi-Rebellen stellen sich Separatisten gegen die Regierung.

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          Die saudischen Soldaten wirkten nicht sonderlich schockiert. Sie posierten sogar fröhlich auf einem Erinnerungsbild. Milizionäre der südjemenitischen Separatisten waren am Sonntag am Sitz der Zentralbank in Aden aufgetaucht und hatten den ausländischen Militärs erklärt, sie würden jetzt selbst die Bewachung übernehmen. Dabei markiert die Übernahme, deren freundliche Bilder von den Sezessionisten verbreitet wurden, eine Eskalation des seit fünf Jahren andauernden Kriegs im Jemen zu einem gefährlichen Zeitpunkt.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Während das Coronavirus das verwundbare Land erreicht hat, dessen Bevölkerung schon von einer Cholera-Epidemie geschwächt ist, Springfluten vielerorts große Zerstörungen hinterlassen haben und im Norden die schiitischen Houthi-Rebellen neue Eroberungen melden, eröffnen im Süden die Separatisten eine neue Front. Am Sonntagmorgen verkündete der „Südliche Übergangsrat“ (STC), er werde fortan im Süden die Regierungsgeschäfte führen. Die Korruption und die Misswirtschaft in der Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi seien nicht mehr tragbar, hieß es zur Begründung.

          Nominell sind Separatisten und Hadi-Regierung Alliierte in der von Saudi-Arabien angeführten Koalition gegen die Houthi, die auch Jemens Hauptstadt Sanaa kontrollieren. Erst im vorigen November hatten beide Seiten unter Regie der Saudis in Riad ein Abkommen zur gemeinsamen Machtausübung geschlossen. Mit dem Abkommen hatte Riad die alleinige Führung in der Allianz gegen die Houthi übernommen.

          So ist der Vorstoß der Separatisten vom Wochenende ein schwerer Rückschlag für die saudische Führung unter Kronprinz Muhammad bin Salman. Sie sucht eigentlich einen gesichtswahrenden Ausweg aus der Intervention im Jemen, die sie vor fünf Jahren begonnen hat. Das wird nun noch komplizierter. Die Houthi, die derzeit angesichts der militärischen Lage ohnehin keine Notwendigkeit für Zugeständnisse sehen, dürften sich freuen. „Die Saudis sitzen in der Falle“, sagt ein erfahrener Beobachter.

          Amr al Beidh aus der STC-Führung, der so etwas wie der Außenbeauftragte der Separatisten ist, erkennt durchaus, dass der Vorstoß riskant ist. „Aber wir standen unter enormem Druck, diesen Schritt zu tun“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Hadi habe seine Zusagen nicht eingehalten, seine Leute hätten in den Vorbereitungen für den Kampf gegen das Coronavirus versagt, ebenso nach den Springfluten der vergangenen Woche. „Aden ist zerstört, es gibt keinen Strom, und niemand rührt einen Finger“, sagt er wütend.

          „Nur noch Soldaten, die Diebe bewachen“

          „Unsere eigenen Leute haben uns vorgeworfen, wir seien nur noch Soldaten, die Diebe bewachten“, sagt Beidh. „Jetzt sind wir auch wieder in den Regierungsgebäuden.“ Solche Vorwürfe sind keine Überraschung. Hadis Ruf ist entsprechend, auch unter seinen ausländischen Unterstützern herrscht Frust. Wenn Hadi endlich liefere, könne man wieder reden, sagt Beidh. Er macht aber auch deutlich, dass der STC Aden und den Süden mit im Zweifel Waffengewalt verteidigen werde – notfalls mit Truppen von den Fronten des Krieges gegen die Houthi. Erst vorige Woche war ein Waffengang im Süden im letzten Moment abgewendet worden.

          Während die Hadi-Regierung den Separatisten die „Wiederaufnahme des bewaffneten Aufstands“ und den Rückzug vom Riad-Abkommen vorwarf, hielt sich die saudische Führung zunächst mit öffentlicher Kritik zurück. Ach bei Beidh ging bis zum Nachmittag keine Beschwerde aus Riad ein. Doch er kann sich denken, dass in Riad großer Unmut herrscht. Selbst in den Vereinigten Arabischen Emiraten, deren Führung die Separatisten maßgeblich fördert, stößt der STC-Vorstoß auf wenig Gegenliebe.

          Die Emirate hatten in Aden den Saudis Platz gemacht und wurden von ihren Schützlingen bald darauf schmerzlich vermisst. Es gilt als wenig wahrscheinlich, dass sie sich jetzt wieder sichtbarer einmischen. „Die Emirate haben wieder und wieder deutlich gemacht, dass sie in erster Linie an einer geeinten Front gegen die Houthi interessiert sind. Überdies sehen sie derzeit den Kampf gegen das Coronavirus als die dringlichere Aufgabe an“, sagt ein Beobachter in Abu Dhabi.

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