https://www.faz.net/-gpf-6t0wr

: Der König von Fresenhagen

  • -Aktualisiert am

Der Ort, an dem sich die Veteranen der RAF zum ersten Mal wieder trafen, war kein Kreuzberger Hinterhaus, keine Frankfurter Buchhandlung und auch keine Teestube in Beirut. Die RAF kam nach Nordfriesland - im Sommer 1993.

          7 Min.

          Der Ort, an dem sich die Veteranen der RAF zum ersten Mal wieder trafen, war kein Kreuzberger Hinterhaus, keine Frankfurter Buchhandlung und auch keine Teestube in Beirut. Die RAF kam nach Nordfriesland - im Sommer 1993. Zwischen Kuhweiden und Maisfeldern liegt die Ortschaft Fresenhagen. Sie besteht nur aus einem Weg, der von der B 199 in die Felder führt, vorbei an ein paar Bauernhöfen. Am Ende steht ein flaches, reetgedecktes Gehöft, umgeben von Rosensträuchern, Obstbäumen und saftigen Wiesen. In diesen Winkel hatte sich die Band Ton Steine Scherben zurückgezogen, als ihnen die Luft im politisierten West-Berlin zu dick wurde. Die bessere Welt glaubten die Musiker hier auf dem Land gefunden zu haben.

          Rio Reiser lebte noch, als die Terroristen zu Besuch kamen. Anne Reiche, eine gute Freundin des Sängers und ehemals bei der militanten Bewegung 2. Juni, hatte die Landpartie organisiert. Man feierte im Nordtrakt des Gutshofs. Der war gerade ausgebaut worden, mit einem kleinen Saal, Landhausmöbeln und einer Bar. Lanrue, der Gitarrist der Band, hatte sogar portugiesischen Marmor angeschafft.

          Als Lanrue die Festgesellschaft sah, dachte er: "Hier sind fünfhundert Jahre Knast versammelt." Eine Ex-Terroristin kam gleich auf ihn zu, sie hatte noch eine Rechnung offen: Wie hatten die Scherben nur Wahlkampf für die SPD machen können! Lanrue wurde sauer: Da gibt man den Gastgeber für die RAF und wird zum Dank noch belehrt. Am Ende hinterließen die Revoluzzer dann doch einen versöhnlichen Abschiedsbrief: Wenn auf dem alten Hof mal Not am Mann sei, könnten sie "jederzeit eine Arbeitsbrigade zur Verfügung stellen".

          Heute liegt Rio Reiser, der als Ralph Christian Möbius geboren wurde, hinter dem Haus unter einem Apfelbaum begraben. Und die Scherben sind auf dem Gelände nicht willkommen. Gert Möbius, Rio Reisers Bruder, will den Hof verkaufen und die Gebeine des 1996 Verstorbenen auf einen Berliner Friedhof umbetten.

          Lanrue wohnt jetzt wieder in Kreuzberg, wo vor vierzig Jahren alles anfing. Er sitzt vor der Markthalle an der Bergmannstraße. Auf dem Kopf trägt er einen Strohhut, ganz wie damals, als der Franzose nach Berlin gekommen war. Er hat einen Ringelpullover an, ein schwarzes Sakko und eine bernsteinfarbene Perlenkette um den Hals. Inzwischen ist er sechzig. Seine Freundin ist ungefähr halb so alt.

          1970 gründeten sich die Scherben in Berlin, und als sie 1975 nach Nordfriesland flohen, waren sie in der westdeutschen Alternativkultur eine feste Größe. Ihre Hausbesetzerhymne "Rauch-Haus-Song" lief auf jeder linken Demo. Doch den Scherben ging es finanziell noch schlechter als den Proletariern, von denen ihre Songs handelten. Außer Schwarzbrot mit Ketchup hatten die Musiker wenig zu essen. Zum Überleben gingen sie "einklauen": In Supermärkten ließen sie Gemüse und Bier mitgehen. Es gab zwar immer mehr Scherben-Fans, aber niemand wollte Eintritt zahlen für eine Band, die Loblieder auf das Schwarzfahren sang: Von Genossen nimmt man doch kein Geld! Als Dank für ihre unzähligen Solidaritätskonzerte wurden die Scherben während ihrer Tourneen auf wildfremde WG-Sofas verteilt. In Hannover bekamen sie einmal einen Schlafplatz in einem Mietshauskeller zugewiesen, einer Art Tropfsteinhöhle mit feuchten Matratzen.

          Weitere Themen

          „Wie viele Menschen müssen denn noch sterben?" Video-Seite öffnen

          RKI-Chef Wieler : „Wie viele Menschen müssen denn noch sterben?"

          Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, hat Politik und Bürger in Deutschland dazu aufgerufen mitzuhelfen, die derzeitige vierte Corona-Welle zu brechen. „Ich erwarte jetzt von den Entscheidern, dass sie alle Maßnahmen einleiten, um gemeinsam die Fallzahlen herunterzubringen", sagte er in Berlin.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.