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Der Kandidat Gauck : Das Ende der Kür

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Angela Merkels Helfer versuchen, die Geschichte umzuschreiben: erst sie habe den Kandidaten Gauck möglich gemacht
Angela Merkels Helfer versuchen, die Geschichte umzuschreiben: erst sie habe den Kandidaten Gauck möglich gemacht : Bild: dpa

Es ist keine Kampagne wie im Juni 2010, die Gauck und seine Freunde zu führen haben. Damals war es eine Großgruppe, Medienleute und Künstler vor allem. Im Internet wurde gekämpft. Gauck wurde als der Präsident der Herzen präsentiert. Es ging um jede Stimme der Bundesversammlung, und immerhin fiel die Entscheidung erst im dritten Wahlgang. Alles anders heute. Der Kandidat ist so gut wie gewählt. Nur in den Landtagen zuletzt von Mecklenburg-Vorpommern und in der kommenden Woche von Baden-Württemberg und Bayern tritt er auf. 45 Minuten hat, beispielsweise, sein Termin in Schwerin gedauert. Auftritte zudem bei den Bundestagsfraktionen und eigens zudem bei der CSU-Landesgruppe. Gepflegt wurden die vor allem, die vor zwei Jahren für Wulff votiert hatten. Pflichttermine, wie sie künftig zum Alltag Gaucks gehören werden. Schon in diesen Tagen ist er nur noch überaus beschränkt der Herr seiner Termine.

Wichtig also seine Vorstellung bei der nordrhein-westfälischen CDU. Marienthal bei Hamminkeln am Niederrhein. Immerhin 20 Stimmen der Bundesversammlung hat die Landtagsfraktion in Düsseldorf zu vergeben - von Alice Schwarzer bis Friedrich Merz reicht das Spektrum der Delegierten. Ob Gauck es so machen wolle wie einst Richard von Weizsäcker, wollte jemand wissen, und gemeint war damit, ob Gauck sich im künftigen Amt als oberster Kritiker der Parteien präsentieren wolle. Nein, wurde er vernommen, dazu eigne er sich nicht. Gauck scheint der Parteien nicht überdrüssig zu sein. Dermaßen einfühlsam hat er sich im Linksrheinischen präsentiert, dass einer der Anwesenden dem evangelischen Theologen zurief, eigentlich könnte er auch ein katholischer Christ sein - was er gesagt habe und wie. „Wir wählen ihn nicht, weil die Umstände nun so sind, sondern weil wir ihn wollen“, hat Karl-Josef Laumann, der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion, hernach versichert.

Er wolle ein Bürgerpräsident sein

Brückenbauen bei den Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und FDP. „Die CDU hat die Idee der Freiheit nie dem Zeitgeist geopfert.“ Das hörten die Abgeordneten der Union gerne. „Es gibt also keine größere Distanz zwischen dem Kandidaten und Ihren Wertvorstellungen.“ Und: „Gott schuf uns, damit wir Verantwortung übernehmen.“ Er wolle ein Bürgerpräsident sein, nicht aber als Gegenspieler zur parlamentarischen Demokratie und den Parteien auftreten. Fragen zu Finanzmärkten und zur Außenpolitik beschied er mit einer Entschuldigung. Er wolle jetzt nichts aus dem hohlen Bauch sagen. Er wisse, es sei ein Problem. Aber er habe sich einzuarbeiten. „Ich war von dieser Vorstellung beeindruckt“, wurde dann von offizieller Seite gesagt.

Gute Worte erhielt die FDP. Ein „flammendes Plädoyer für die Freiheit“ habe Gauck gehalten, erzählten später die Zuhörer. Zitate wurden abgestimmt. „Freiheit ist immer Freiheit für etwas und zu etwas. Die Freiheit der Erwachsenen bedeutet Verantwortung.“ Nur in der Pubertät des Menschen sei es schwierig damit, was Gauck noch mit dem Bonmot anreicherte: „Manche kommen nie aus der Pubertät.“ Ein Abgeordneter lobte die Äußerungen des zurückgetretenen Bundespräsidenten Wulff zur Integrationspolitik. „Die Politik von Wulff werde ich fortsetzen, mit meinen Worten“, lautete die Antwort. Zur Freude der Abgeordneten wünschte Gauck der krisengeschüttelten FDP alles Gute - in dem Sinne, dass es schade wäre, wenn eine einst so starke Partei aus dem Bundestag herausfiele.

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