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Der Kandidat Gauck : Das Ende der Kür

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Die Umstände seiner neuerlichen Kandidatur haben die Notwendigkeit des Lernens mit sich gebracht. „Ich hatte mich nicht vorbereitet“, lautet Gaucks Schilderung. Wie denn auch? Wozu denn auch? Mit Glanz und Gloria hatte er in der Bundesversammlung die Wahl 2010 verloren. Seine Vorträge galten den Begriffen der Freiheit, der Verantwortung und der Toleranz. Diese Inhalte hatten den vormaligen Schwerpunkt - das „Zusammenwachsen“ des Westens und des Ostens Deutschlands - abgelöst. Die Leute erwarteten von ihm keine Reden über den Euro, die Finanzmärkte, die Atompolitik, den Nahen Osten und die innere Sicherheit. Sie wollten Grundsätzliches hören, nicht das Alltägliche.

Wahrscheinlich wird Gauck hier einziehen, und wahrscheinlich werden die Anti-Wulff-Demonstranten dann abziehen
Wahrscheinlich wird Gauck hier einziehen, und wahrscheinlich werden die Anti-Wulff-Demonstranten dann abziehen : Bild: dpa

Bei Gauck scheint es so, als wende sich ein Ostdeutscher an die Ostdeutschen. Die Erfahrungen der DDR-Vergangenheit schwingen mit, wenn er die Menschen zum Mittun in Staat und Gesellschaft auffordert. Manche Formulierungen würde ein westdeutsch Sozialisierter nicht verwenden. Manche Erklärungen zur Freiheit klingen pastoral. Gauck glaubt, das urtümliche Ansinnen von Freiheit werde sich durchsetzen. Er scheint verstanden zu haben, dass es im Westen der Republik eine wachsende Distanz zum Osten gibt - auch wegen der Herkunft der politischen Repräsentanten. „Der alte Westen darf sich nicht abwenden“, erscheint für Gauck als eines seiner Interessengebiete.

Gerne wurde er in diesen Tagen als „Demokratielehrer“ bezeichnet, auch von Angela Merkel, als sie im Januar vor zwei Jahren eine Laudatio zu seinem 70. Geburtstag hielt. Über die Maßen hatte sie ihn gewürdigt, durch ihr Erscheinen an sich, durch ihre Rede und, wie Gauck das fand, ihr langes Bleiben bei dem Fest. Einen doppelten Boden allerdings hatte die Bundeskanzlerin in ihre Rede gezogen: „Eigentlich könnte Joachim Gauck die Laudatio auf sich am allerbesten halten.“

Merkel schien ihn zu schätzen, aber sie wehrte sich auch gegen ihn

Angela Merkel also schien den früheren DDR-Bürgerrechtler zu schätzen - einerseits. Sie schien ihn aber nicht im Amt des Bundespräsidenten haben zu wollen, bis zuletzt - andererseits. Gauck sei „monothematisch“, führte Frau Merkel in ihren Parteigremien und beim Koalitionspartner aus. Wahrscheinlich würde er die Charakterisierung nicht einmal bestreiten, allenfalls einwenden, sein Thema sei umfassend genug. Die Ursachen und Hintergründe der Vehemenz des Widerspruchs Frau Merkels gegen Gauck an jenem Sonntag, selbst nachdem sich die FDP auf Gaucks Seite geschlagen hatte, liegt auch für Führungsmitglieder der Union im Dunkeln. Furcht um die eigene Autorität? Sorge, einen Fehler von 2010 zugeben zu müssen? Angst, es könne ein Bundespräsident erwachsen, der sie an Beliebtheit übertrifft?

Vielleicht spielte es auch eine Rolle, die Kanzlerin halte zwei Ostdeutsche an der Spitze des Staates für zu viel des Ostdeutschen. Vielleicht sorgte sie sich, Gauck habe keine politisch-administrative Erfahrung. Es mag sein, dass die unterschiedlichen Biographien der beiden hinzukommen. Gauck durfte in der DDR nichts als Theologie studieren, weil er nicht Mitglied der FDJ gewesen war. Frau Merkel durfte immerhin Physik studieren und wurde promoviert. Wahrscheinlich wird sich das ursprüngliche Motivbündel Frau Merkels nie entwirren lassen.

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