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Nobelpreis-Kommentar : Entscheidung für Ican ist utopisch

Eine Atombombe vom Typ „Little Boy“, wie sie über Hiroshima abgeworfen wurde Bild: AP

Die Auszeichnung des Friedensnobelpreises für die Organisation Ican ist eine sichere Wahl gewesen: Die Organisation trägt nirgendwo Verantwortung und kann keinen Schaden anrichten. Doch was sie bislang bewirkt hat, ist zweifelhaft.

          Welche Irrtümer zur langen Geschichte des Friedensnobelpreises gehören, hat sich erst wieder in den vergangenen Wochen am Beispiel Aung San Suu Kyis gezeigt. Auch Barack Obama oder Jassir Arafat gehören auf diese Liste; ganz zu schweigen von einigen großen Persönlichkeiten, die den Preis nie bekommen haben, obwohl sie ihn verdient hätten. In diesem Jahr hat das Osloer Komitee zumindest in dieser Hinsicht eine sichere Wahl getroffen. Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen trägt nirgends auf der Welt politische Verantwortung, also ist hier nicht mit unangenehmen Überraschungen in der Zukunft zu rechnen. Sie ist noch nicht einmal die erste Anti-Atomkriegs-Organisation, die den Preis erhält.

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik (F.A.Z.).

          Die Begründung für die Verleihung ist allerdings dürftig. Zur Einsicht, dass ein Atombombeneinsatz katastrophale humanitäre Folgen hätte, braucht es nicht diese Kampagne, das weiß die Menschheit seit Hiroshima und Nagasaki. Dass sie sich für das kürzlich verabschiedete UN-Verbot aller Atomwaffen eingesetzt hat, trifft zu, aber dieser Vertrag geht in erster Linie auf die Staaten zurück, die ihn unterschrieben haben. Letztlich ist der Preis, wie schon so oft in der Vergangenheit, ein Versuch, in einer aktuellen weltpolitischen Entwicklung ein (norwegisches) Signal zu setzen: Die Bedeutung von Kernwaffen nimmt seit Jahren wieder zu, die jüngste Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea ist da nur ein Schauplatz von mehreren.

          Mittlerweile gibt es mehr bewaffnete Staaten denn je

          Die Hoffnung, dass das Ende des Kalten Krieges auch das Ende der Atomrüstung bedeuten würde, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil, heute gibt es neun nuklear bewaffnete Staaten, mehr denn je. In der multipolaren Welt, in der wir mittlerweile leben, werden es auf Dauer vermutlich eher mehr als weniger.

          Genau darum wirkt diese Preisverleihung noch utopischer als es bei den Auszeichnungen aus Oslo ohnehin oft der Fall ist. Kein Land, das Nuklearwaffen besitzt, zeigt derzeit die geringste Bereitschaft, auf sie zu verzichten. Es ist sogar höchst umstritten, ob die Welt dann friedlicher wäre: Nichts hat kriegerische Gelüste in den vergangenen siebzig Jahren mehr in Schach gehalten als die nukleare Abschreckung, vor allem in Europa. Deshalb will nicht einmal Deutschland auf sie verzichten.

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