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Der Fall Ohnesorg : Wendepunkt für Otto Schily

Am Abend des 2. Juni 1967 war zunächst auch Schily mit seiner Frau an der Deutschen Oper unter den Demonstranten gegen das Schah-Regime gewesen, dann aber, bevor die Situation eskalierte, mit ihr nach Hause gefahren, weil, wie Schily sich heute erinnert, die Tochter Jenny gestillt werden musste. Etwas später, das persische Herrscherpaar saß in der Aufführung der „Zauberflöte“, waren Wasserwerfer und 800 Polizisten im Einsatz, verfolgten zivile und uniformierte Festnahmetrupps der Polizei flüchtende Studenten.

Eine Strategie der Eskalation?

Die Polizei habe sich „bis an die Grenzen des Zumutbaren zurückgehalten“, behauptete gegen alle Wirklichkeit am 3. Juni der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz (SPD). Jedoch sei die „Geduld der Stadt“ mit den Demonstranten „am Ende“. Er billige ausdrücklich, sagte der Pastor und Politiker, das Verhalten der Polizei. Am 12. Juni 1967 schrieb Karl-Heinz Bohrer in dieser Zeitung, die Polizei habe „ohne gravierende Notwendigkeit, mit Planung einer Brutalität Lauf gelassen, wie sie bisher nur aus Zeitungsberichten über faschistische oder halbfaschistische Länder bekannt wurde“. Weiter hieß es: „Dieselbe Polizei, die am Nachmittag einer . . . persischen Prügelgarde zusah, wie sie mit Latten und Totschlägern deutsche Demonstranten anging, sah am gleichen Abend offensichtlich die Stunde gekommen, ihr Mütchen an jenen zu kühlen, die nicht aufhören wollten, den hohen Staatsgästen ihre unroyalistischen Ansichten zu zeigen.“

Ob hinter dem tödlichen Schuss tatsächlich eine Strategie der Eskalation stand, ist bis heute nicht geklärt. Zuletzt hat dieser Tage der Buchautor Uwe Soukup (“Wie starb Benno Ohnesorg“) noch einmal Spuren des Falls zusammengetragen. Aber schon Rechtsanwalt Schily sah sich damals mit Merkwürdigkeiten konfrontiert. Ohnesorg war tot, Kurras hatte die Kugel abgefeuert, nur soviel stand fest. Die Tatumstände blieben unklar. Die Studenten sprachen von Mord, die Polizei anfangs von Notwehr, später von einem Unfall ohne Tötungsabsicht. Die Fakten mussten mühsam zusammengetragen werden. Wo beispielsweise das 7,65-Millimeter-Projektil in Ohnesorgs Kopf eingedrungen war, konnte später nicht mehr festgestellt werden.

F.A.Z.: „Eine Verschwörung des Schweigens“

Im Moabiter Krankenhaus, wo der Germanistik-Student und werdende Vater nach einer mehr als 45 Minuten langen Irrfahrt vermutlich schon tot ankam, wurde ihm aus der Schädeldecke das Stück mit der Einschussstelle herausgesägt. Es war später nicht mehr auffindbar. Die Wunde wurde zugenäht. Auch der Zeitpunkt des Todes wurde falsch eingetragen. Solche Umstände sowie das Verhalten von Polizei und Politik nach dem tödlichen Schuss bezeichnete die F.A.Z. seinerzeit als „Verschwörung des Schweigens“.

Eine sachgerechte Spurensicherung am Tatort fand nicht statt. Das Magazin aus Kurras' Pistole wurde noch vor einer Untersuchung gewechselt und verschwand. Kurras konnte monatelang falsch behaupten, er habe einen Warnschuss abgegeben. Außerdem sagte er aus, zwölf Mann hätten ihn angegriffen. Das verbreitete auch die „Bild“-Zeitung, die damals täglich Öl in die auflodernden Protestfeuer goss.

„Bitte nicht schießen!“

Doch niemand hatte Angreifer oder gar Messerstecher gesehen, nicht einmal Kurras' Kollegen, die sich ansonsten mit Beiträgen zur Aufklärung der Tat enorm zurückhielten. Zeugen hatten gehört, wie Ohnesorg zu Kurras rief: „Bitte nicht schießen!“, was dann seine letzten Worte waren. Andere berichteten, einer von Kurras' Kollegen habe nach dem Schuss gerufen: „Bist du denn wahnsinnig, hier zu schießen?“, darauf habe dieser geantwortet: „Die ist mir losgegangen.“

Schily beantragte als Vertreter der Nebenklage nach dem ersten Freispruch für den Polizisten im November 1967 beim Bundesgerichtshof erfolgreich Revision, darauf ist er heute noch stolz. Doch auch im zweiten Prozess wurde Kurras freigesprochen. Immerhin hatte der Fall einige mittelbare personelle Konsequenzen. Der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz, der seine unbedachten Worte und sein Handeln im Juni 1967 später tief bedauerte, trat im September 1967 zurück, ebenso Innensenator Büsch und Polizeipräsident Duensing.

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