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Der Fall Guttenberg : Befehl und Ungehorsam

Auch die Kanzlerin hat sich in eine Lage manövriert, in der sie nicht mehr viel gewinnen kann. Eine Reichshälfte vergrätzt sie immer: diejenige, die Guttenberg immer noch für den größten lebenden Politiker hält; oder diejenige, die glaubt, dass Werte wichtiger sind als Heldengestalten, auch im bürgerlichen Lager.

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          Die Kanzlerin, wen wundert's, bereut nichts. Sie bedauere keine der Äußerungen, die sie in der Sache Guttenberg in den vergangenen Tagen gemacht habe, sagt ihr Sprecher. Das wäre auch ganz und gar nicht ihre Art. Sie hat beschlossen, Karl-Theodor zu Guttenberg im Kabinett zu halten, mindestens bis zur Wahl in Baden-Württemberg, komme an Protesten aus der akademischen Welt, was da wolle, und seien es Schuhe auf dem Zaun des Bendlerblocks.

          Frau Merkel ist in dieser Angelegenheit wieder ganz die Pragmatikerin der Macht. Kabinettsumbildungen machen ihr keine Freude. Die begonnene Bundeswehrreform braucht einen Antreiber. Vor allem aber fürchtet die CDU-Vorsitzende eine neue Dolchstoßlegende: Wer den Hoffnungsträger der Konservativen in der Union fallen lässt, kann sich auf geballten Zorn gefasst machen, nicht nur im Südwesten. Auch andernorts haben CDU-Leute schon das mehrseitige Vorstrafenregister der Vorsitzenden (Beseitigung von konservativen Lichtgestalten) gezückt.

          Die Gewissenspein der Union quillt inzwischen aus jeder vorgehaltenen Hand

          Der Devise „Augen zu und durch!“ schloss sich auch CSU-Chef Seehofer diskussionslos an, woran sich die Größe der Not erkennen lässt. Doch wird der Befehl nicht mehr durchgehend befolgt. Die Gewissenspein der Union, aus Parteiräson ein Fehlverhalten verteidigen zu müssen, das gegen den eigenen Wertekanon verstößt, quillt inzwischen aus jeder vorgehaltenen Hand. Wer Äußerungen wie die von Bundestagspräsident Lammert, Forschungsministerin Schavan oder dem ehemaligen Ministerpräsidenten Beckstein dennoch als „Einzelstimmen“ abtut, weiß immer noch nicht, was im Bildungsbürgertum ausgebrochen ist: ein Aufstand der Anständigen.

          Der Versuch der Kanzlerin, Guttenberg aus der Schusslinie zu nehmen, indem sie zwischen der Welt der Wissenschaft und der Welt der Politik unterschied, ging nach hinten los. In einer bürgerlichen Partei, die an alle Lebenssphären durchdringende Tugenden glaubt, musste ein solches Unterfangen scheitern. So hat sich im Zuge dieser Affäre auch die Kanzlerin in eine Lage manövriert, in der sie nicht mehr viel gewinnen kann. Eine Reichshälfte vergrätzt sie immer: diejenige, die Guttenberg nach wie vor für den größten lebenden Politiker hält, den eine gnadenlose Meute aus niederen Motiven zur Strecke bringen wolle; oder diejenige, die glaubt, dass Werte wichtiger sind als Heldengestalten, auch im bürgerlichen Lager.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

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