https://www.faz.net/-gpf-74x3s

Der Fall Gustl Mollath : Zwischen den Wahrheiten

  • -Aktualisiert am

Gustl Mollath wurde 2006 in der Psychiatrie untergebracht, weil er als „wahnhaft“ galt Bild: dpa

Gustl Mollath warnte vor „Schwarzgeldkreisen“ und wurde für verrückt erklärt. Eine Bank fand heraus, dass alles stimmte. Trotzdem kam er in die Psychiatrie.

          6 Min.

          Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Mit diesem Satz beginnt das verstörendste Werk der deutschsprachigen Literatur. Gustl Mollath ist keine Figur aus Franz Kafkas „Der Prozess“; er ist aus Fleisch und Blut und sitzt seit dem 27. Februar 2006 gegen seinen Willen in psychiatrischen Kliniken. Wie Josef K. will Mollath, der jetzt 56 Jahre alt ist, sich nicht in seine Lage fügen, begehrt gegen die Beschränkung seiner Freiheit auf. Und wie bei dem großen Verrätseler Kafka ist es im Fall Mollath nicht einfach, die Wahrheit zu ergründen. Es stehen mehrere Wahrheiten nebeneinander, die sich manchmal berühren, aber dann wieder voneinander entfernen.

          Die Zerrüttung von Mollaths Ehe mit seiner Frau Petra begann Anfang des vergangenen Jahrzehnts. Bis dahin hatte das Paar nach außen ein harmonisches, wohlsituiertes Leben geführt, in dem er italienische Sportwagen restaurierte und sie bei einer Bank arbeitete. Im November 2002 zeigte Petra Mollath ihren Mann wegen Körperverletzung an; er habe sie im August 2001 geschlagen, gebissen und gewürgt. Es wurde ein Attest einer Ärztin vorgelegt, bei der Frau Mollath zwei Tage nach dem angeblichen Übergriff in Behandlung gewesen sei; ausgestellt war das Attest im Juni 2002, also viel später.

          Keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit

          Das Strafverfahren, das mit der Anzeige in Gang kam, endete 2006 durch ein Urteil der 7. Strafkammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth mit der Unterbringung Mollaths in der Psychiatrie, weil er schuldunfähig sei. Mollath leide unter einer paranoiden Wahnsymptomatik und glaube, dass sich „Schwarzgeldkreise“, in die seine Frau verstrickt sei, gegen ihn verschworen hätten. Das Urteil liest sich beklemmend. Gleich im ersten Satz der Begründung wird ein falsches Jahr als Tatzeit genannt, nämlich 2004, nicht 2001. Die Beweiswürdigung erschöpft sich darin, dass referiert wird, an der Glaubwürdigkeit der Frau, die inzwischen von Mollath geschieden war, habe die Strafkammer „keinen Zweifel“. Die Angaben des Opfers würden durch das Attest, das in der Hauptverhandlung verlesen worden sei, bestätigt.

          Kein Wort fällt darüber, wie es zu bewerten sei, dass das Attest erst Monate nach der angeblichen Gewalttat erstellt wurde; kein Wort, warum auf eine Einvernahme der Ärztin verzichtet wurde; kein Wort, wie es einzuschätzen sei, dass sich das Opfer, als es angeblich bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt worden war, nicht sofort in die Notaufnahme einer Klinik begeben hatte, wo Verletzungen hätten dokumentiert werden können. Allein schon diese Urteilspassage zeigt, wie nachlässig, ja nonchalant die Justiz in einem Verfahren handelte, in dem es neben einem weiteren Vorwurf - Mollath habe Reifen mehrerer Wagen zerstochen, deren Halter er im Bund mit seiner Frau sah - um nichts weniger ging als die Freiheit eines Menschen. Trotz der eklatanten Mängel wurde das Urteil in der Revision bestätigt - ein peinigender Befund für den Bundesgerichtshof.

          Weitere Themen

          Prozess um Insiderhandel startet mit Geständnis

          Elf Millionen Gewinn : Prozess um Insiderhandel startet mit Geständnis

          Ein ehemaliger Top-Manager von Union Investment und ein Investmentbanker sollen unrechtmäßig Gewinne kassiert haben. Zum Prozessauftakt sind sie geständig. Das dürfte den Prozess abkürzen, sie aber nicht vor einer Haftstrafe bewahren.

          Topmeldungen

          Polizisten am Frankfurter Mainufer.

          Was zu tun ist : Den Bürger nicht allein lassen

          Der Rechtsstaat sollte konsequent sein: ohne Sicherheit keine Freiheit. Das gilt auch bei der Einwanderungspolitik – die lange von naiven Vorstellungen geleitet wurde.

          Zukunft der Schule : „Wir sind total festgefahren“

          Dario Schramm ist die Stimme der Schüler in Deutschland. Ein Gespräch darüber, wo es an deutschen Schulen hakt und warum soziale Kompetenzen im Unterricht wieder mehr im Vordergrund stehen sollten.
          Besucher in der Temple Bar in Dublin im Juli

          Corona in Irland : Impfen für den Pubbesuch

          Die Iren haben die höchste Impfquote der EU. Widerstand gegen die Impfungen gibt es kaum. Liegt das an ihrer Liebe zum Feiern? Ein Ortsbesuch in Dublin.
          Sitzung des UN-Sicherheitsrats am 16. August 2021

          EU-Sitz im Sicherheitsrat : Ein Vorstoß in der „Logik Macrons“?

          Ungewöhnlich schnell dementiert Paris die Meldung, Frankreich sei bereit, seinen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu teilen. Einzelne glauben jedoch, die Änderung würde zum Präsidenten passen. Auch in Berlin gibt es Sympathien für die Idee

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.