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Der Fall Eumann : Doktor trotz großer Bedenken

  • -Aktualisiert am

Auszug aus dem „Ratgeber zur Verhinderung von Plagiaten“ der TU Dortmund Bild: F.A.Z.

Der SPD-Medienpolitiker Marc Jan Eumann darf seinen Doktorgrad behalten. Aber das ist bestenfalls ein „Freispruch“ dritter Klasse - auch wenn Eumann das anders sehen will.

          3 Min.

          Marc Jan Eumann ist nicht nur ein versierter Strippenzieher im Hintergrund. Der Vorsitzende der SPD-Medienkommission und nordrhein-westfälische Medienstaatssekretär weiß auch, dass man früh auf dem Meinungsmarkt sein muss, wenn man die Deutungshoheit gewinnen will. In eigener Sache gilt das besonders.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Kaum hatte die TU Dortmund am Mittwochabend mitgeteilt, dass Eumann seinen 2011 erworbenen Doktorgrad nun doch behalten darf, ließ der Staatssekretär eine schriftliche Stellungnahme versenden. Er sei froh, dass nun auch der letzte Vorwurf vom Tisch sei, äußerte der SPD-Politiker. Doch Eumann hat bestenfalls einen wissenschaftlichen „Freispruch“ dritter Klasse bekommen. In der Begründung, die die Universität erst auf Anfrage am Donnerstag nachreichte, heißt es, der Rat der Fakultät Kulturwissenschaften der TU Dortmund habe „trotz großer Bedenken bezüglich eines wissenschaftlichen Fehlverhaltens“ entschieden, den Doktorgrad nicht abzuerkennen, „da eine vorsätzliche Täuschung seitens Herrn Eumann nicht eindeutig belegt werden konnte“.

          Ein Affront gegen die Rektorin

          Der Beschluss ist auch ein Affront gegen TU-Rektorin Ursula Gather, die zugleich Vorsitzende der nordrhein-westfälischen Rektorenkonferenz ist. Unter Gathers Leitung hatte das Rektorat der TU im vergangenen Juli nach einer Sondersitzung „erhebliches wissenschaftliches Fehlverhalten des Herrn Dr. Eumann“ festgestellt, und ein Verfahren eingeleitet, um dem Medienstaatssekretär den Doktorgrad abzuerkennen. Das Rektorat stützte sich damals auf einen Bericht der universitätseigenen „Kommission zur Sicherstellung guter wissenschaftlicher Praxis“ und ein Gutachten des Bonner Rechtslehrers Wolfgang Löwer, der auch „Ombudsmann für die Wissenschaft“ der Deutschen Forschungsgesellschaft ist. Warum der Fakultätsrat damals den Empfehlungen der Gutachten anders als das Rektorat nicht folgen wollte, geht aus seiner dürren Stellungnahme nicht hervor.

          Eumann sah am Mittwochabend allen Anlass, dem Fakultätsrat „für ein objektives Verfahren“ zu danken. Sein Doktorvater, der mittlerweile emeritierte Professor Horst Pöttker, der das Prüfverfahren Anfang 2013 nach Lektüre einer vernichtenden Besprechung der Buchversion der Arbeit Eumanns selbst in Gang gesetzt hatte, zeigte sich dagegen schockiert und erhob im Gespräch mit FAZ.NET schwere Vorwürfe gegen den Staatssekretär. Er fühle sich von Eumann getäuscht, sagte Pöttker.

          Eine Art Discount-Doktor

          In der Promotions-Causa Eumann ging es nicht wie in vielen anderen Fällen prominenter Doktoren um die Frage eines Plagiats. Vielmehr hatte sich die TU Dortmund damit zu beschäftigen, ob Eumann seinen Titel illegitim erworben hat. Ende 2012 hatte der Leipziger Medienhistoriker Arnulf Kutsch in einer Rezension der Fachzeitschrift „Publizistik“ darauf hingewiesen, dass „Aufbau und Text“ der Dissertation mit dem Titel „Der Deutsche Presse-Dienst. Nachrichtenagentur in der britischen Besatzungszone“ in „großen Teilen“ identisch sei mit einer „Arbeit gleichen Titels“, mit der Eumann 1991 an der Universität zu Köln seien Magistergrad erwarb. Eine konzeptionelle oder methodische Erweiterung lasse sich nicht feststellen. Anders formuliert: Kutsch warf Eumann vor, eine Art Discount-Doktor erworben zu haben.

          Problematisch war für Eumann aber vor allem, dass er im Promotionsverfahren ein Formular zu unterschrieben hatte, in dem ihm die Frage gestellt wurde, ob die vorgelegte Promotion „ganz oder teilweise in einer anderen Fassung oder in Teilen einer Hochschule im Zusammenhang mit einer staatlichen oder akademischen Prüfung vorgelegen“ hat. Eumann beantwortete die Frage mit „nein“.

          Der Staatssekretär: Marc Jan Eumann (SPD)
          Der Staatssekretär: Marc Jan Eumann (SPD) : Bild: dapd

          Eumann äußerte am Mittwochabend, er habe mit seinem Doktorvater und seinem Zweitgutachter über die Existenz“ seiner Magisterarbeit gesprochen. Der TU Dortmund habe im Zulassungsantrag sein Magisterzeugnis mit dem vollständigen Titel der Arbeit vorgelegen und er habe sie im Vorwort seiner Dissertation erwähnt. „Es liegt auf der Hand, dass sich daraus keine Täuschungsabsicht ableiten lässt und ich bin froh, dass dies der Fakultätsrat der TU Dortmund auch so sieht.“

          Ein akademisches Upgrade

          Anders als von Eumann angegeben ist die Magisterarbeit allerdings im Vorwort der Dissertation nicht erwähnt. Erst für die Buchversion seiner Doktorarbeit fertigte Eumann ein neues Kapitel „Vorbemerkung und Dank“ an, in dem allgemein von der Magisterarbeit die Rede ist. Der Titel der Magisterarbeit ist aber in „Vorbemerkung und Dank“ wie auch im Hauptteil der Arbeit oder im Literaturverzeichnis nicht erwähnt.

          Eumann hatte es mit seinem Promotionsverfahren an der TU Dortmund rundherum leicht. Schon im vergangenen Jahr gab sein Zweitgutachter Ulrich Pätzold zu Protokoll, dass ihm bekannt gewesen sei, dass Eumann schon in seiner Magisterarbeit über sein Promotionsthema geforscht hatte. Dennoch zog Pätzold die Magisterarbeit nach eigenem Bekunden nicht zum Vergleich heran, als er sein Gutachten über Eumanns Dissertation schrieb.

          Und noch eine schöne Wendung: Zum Abschluss des Promotionsverfahrens gab es für den Staatssekretär ein akademisches Upgrade. Obwohl die Arbeit Eumanns von Doktorvater Pöttker und von Zweitgutachter Pätzold jeweils „nur“ mit der Note „magna cum laude“ (sehr gut) bewertet wurde, erhielt Eumann nach der mit „summa cum laude“ (ausgezeichnet) bewerteten mündlichen Prüfung die bestmögliche Gesamtnote „summa cum laude“.

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