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Der Fall Drygalla : Auf dem Boden

Nadja Drygalla wurde eine Liaison mit einem rechtsextremem Funktionär zum Verhängnis. Die Beziehung löst Unbehagen aus. Doch darf man eine Sportlerin tatsächlich nur wegen ihrer Partnerwahl ächten?

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          Bevor das olympische Feuer in London entfacht wurde, hatten die Griechen schon einen Skandal. Eine Dreispringerin nutzte den Kurznachrichtendienst Twitter, um sich abfällig über Afrikaner zu äußern. Sie wurde aus der Mannschaft ausgeschlossen. Als das Feuer dann lange schon brannte, bekam auch das deutsche Team seinen Skandal: Die Ruderin Nadja Drygalla, gerade aus dem Wettbewerb ausgeschieden, reiste nach einem Gespräch mit deutschen Sportfunktionären aus London ab.

          Über ein Vergehen Frau Drygallas ist bislang nichts bekannt geworden. Rassistische Twitter-Nachrichten hat sie nicht verbreitet. Zum Verhängnis dürfte ihr eine Liaison mit einem Mann aus der rechtsextremen Szene geworden sein. Sportfunktionäre und Politiker diskutieren seit Tagen empört darüber, wer was wann genau wusste und wer wen hätte informieren müssen. Doch kaum jemand fragt danach, welche Schuld Nadja Drygalla auf sich geladen hat – und ob man eine Athletin schlicht wegen ihrer Partnerwahl ächten darf. Es ist ein Stochern im Nebel – und im Privatleben einer jungen Sportlerin. Ein Mädchen verliebt sich in einen Jungen. Was sie vereint, ist Gegenstand von Spekulation. Die Liebe zum Rudersport vielleicht, den auch ihr Partner einst ausgeübt hat.

          Kann man Liebe von politischer Einstellung trennen?

          Und sonst? Die Gesinnung? Beweise gibt es dafür bislang nicht. Es stellen sich Fragen: Wie weit kann man in einer Beziehung Liebe von den politischen Einstellungen des Partners trennen? Kann man mit jemandem über Jahre sein Leben teilen, ohne zumindest Verständnis für dessen Überzeugungen zu entwickeln – zumal, wenn der Partner für seine Überzeugungen auch in der Öffentlichkeit geworben hat? Wie sieht denn so ein Abend mit gemeinsamen Freunden in Rostock aus? Das alles ist unklar. Diese Unklarheit verursacht Unbehagen, Empörung – und provoziert womöglich Kurzschlussreaktionen.

          Es gibt Spekulationen über Nadja Drygallas politische Überzeugungen, aber mehr auch nicht. Die Ruderin selbst hat sich deutlich von der rechtsextremen Szene distanziert und geäußert, dass sie auch weiterhin ihren Sport ausüben möchte. Auch in London mühte man sich hervorzuheben, Nadja Drygalla stehe „auf dem Boden des Grundgesetzes“ und habe sich zu den „Werten der Olympischen Charta“ bekannt. So lange das Gegenteil nicht bewiesen ist, muss die Gesellschaft wohl auch die Partnerwahl der Sportlerin ertragen.

          Matthias Wyssuwa
          Politischer Korrespondent in Berlin.

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