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Der F.A.S.-Filmtest : „FSK 12“ - Nichts für Kinder

Wo „FSK 12“ draufsteht, ist oft brutale Gewalt drin. Oder Sex. Oder obszöne Sprache. Oder etwas von allem dreien. Wer entscheidet, was Kinder schauen können, ohne Schaden zu nehmen? Und warum entscheiden die Verantwortlichen so verantwortungslos?

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          Wer sind die Leute, die entscheiden, dass zwölf Jahre alte Kinder diese Dinge sehen und hören dürfen? Den Jungen, dem die Augen weggebrannt werden. Den Pubertierenden, der seiner nackt neben ihrem Liebhaber schlafenden Mutter zwischen die Beine fasst. Die kleinen Jungen, die mit einem Beil abgeschlachtet werden. Den Mann, der seiner Freundin in einem Swingerclub in die Augen schaut, während sie mit einem anderen Mann Sex hat. Die Menschen, die aus nächster Nähe erschossen werden. Das Blut, das spritzt. Die Wörter, die Erwachsene für verschiedene Sexualpraktiken verwenden, und das viele Reden über Sex.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Leute, die entscheiden, dass präpubertäre Kinder diese Szenen sehen und hören dürfen, heißen FSK-Prüfer, und es gibt 260 von ihnen. Mehrmals im Jahr reisen sie nach Wiesbaden, um sich in Siebenergruppen ein paar Tage lang ehrenamtlich Filme anzuschauen, die in den nächsten Wochen in die deutschen Kinos kommen. Manche FSK-Prüfer haben Kinder, andere arbeiten mit Kindern, andere haben weder Kinder, noch arbeiten sie mit ihnen.

          Die einen, immer drei von sieben, kommen aus der Filmindustrie, deren Freiwillige Selbstkontrolle die FSK ist. Die anderen haben der Staat, die Kirchen oder andere Einrichtungen beauftragt. Ein Vertreter in jeder Siebener-Gruppe ist immer ein hauptamtlich zur FSK entsandter Mitarbeiter der obersten Landesjugendbehörden der Bundesländer. Der Staat mischt also mit. Knapp die Hälfte der Prüfer sind Frauen, das Durchschnittsalter liegt bei Mitte 40.

          Nach dem Abspann des zu prüfenden Films diskutieren die Prüfer zwischen wenigen Minuten und einer Stunde. Dann stimmen sie ab: Ist die von der Produktionsfirma beantragte Altersfreigabe okay? Die Produktionsfirma ist immer auch die Verleihfirma. Wenn mindestens vier Prüfer die Frage nach dem Okay mit Ja beantworten, wird der Film freigegeben: ab 16, ab zwölf, ab sechs oder ohne Altersbeschränkung. Wenn 16 beantragt ist, das Gremium aber "ab 18" sagt, bekommt der Film keine Jugendfreigabe.

          Bei der Entscheidung, von welchem Alter an Kinder und Jugendliche einen Film sehen dürfen, geht es nicht nur um Jugendschutz, sondern auch um Geld. Zum einen um das Geld, das die Zuschauer an den Kinokassen zahlen. Je mehr Altersklassen einen Film sehen dürfen, desto mehr Besucher wird er vermutlich haben. Und es geht um das Geld, das die Fernsehsender den Produktionsfirmen zahlen: Ein Film, der für Zwölfjährige freigegeben ist, darf um 20 Uhr im Fernsehen gesendet werden. Hat ein Film nur eine Freigabe ab 16, darf er erst nach 22 Uhr laufen - ein entscheidender Unterschied. Die Produktionsfirmen lassen sich die Prüfung daher etwas kosten: 46 Cent pro Filmmeter zahlen sie an die FSK, das macht bei einem durchschnittlichen Kinofilm von 2700 Metern 1242 Euro plus Mehrwertsteuer. Die FSK ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft e.V., als GmbH aber ökonomisch autonom - und sie finanziert sich über die Prüfgebühren der Antragsteller. Weil Filme, die nicht geprüft werden, automatisch "ab 18" sind, lässt die Filmindustrie die meisten Filme prüfen.

          Wer heute in Deutschland einen Film auf den Markt bringt, für den er sich eine Altersfreigabe von zwölf Jahren an, das grüne Zeichen "FSK 12", erhofft, beantragt eine Freigabe ab sechs, um genau das zu bekommen, was er haben wollte. Dann können sich alle gut fühlen - die Prüfer waren schließlich strenger als der Antragsteller. Und wer würde für "ab 16" plädieren, wenn "ab sechs" beantragt ist, auch wenn damit eigentlich "ab zwölf" gemeint ist? Über diese Dynamik spricht niemand gerne laut. Aber untereinander reden die Prüfer schon darüber.

          „Wenn es ,14' gäbe, wäre es kein Problem

          Beim Filmebewerten sind sie weitgehend ihrem Gefühl überlassen. "Jeder hat sich selbst als Resonanzboden", sagt einer. Die Vorgabe liefert das Jugendschutzgesetz: Die Altersfreigabe - das betonen die Prüfer, die für die FSK arbeiten, ohne Unterlass - sei keine "pädagogische Empfehlung", sondern sage bloß, dass ein Film die Entwicklung von Kindern dieser Altersklasse nicht störe. Was immer das heißen mag.

          Noch etwas sagen sie alle: Zwölf ist ein ganz heikles Alter. Und der Sprung zu 16 ist so groß. Doppelt so groß wie der zwischen 16 und 18. Vor ein paar Jahren hat die FSK ein Projekt mit Jugendlichen gemacht. Die 14, 15 Jahre alten Mädchen und Jungen haben Filme ab zwölf gesehen und gesagt: Die finden wir für Zwölfjährige zu krass. FSK-Geschäftsführerin Christiane von Wahlert tut das ab als "Third-Person-Phänomen", mit dem sich Ältere den Jüngeren gegenüber souverän fühlen könnten. Vielleicht haben sie auch einfach nur recht?

          Auch Prüfer berichten, dass in den Diskussionen immer wieder der Satz falle: "Wenn es ,14' gäbe, wäre es kein Problem." Von Wahlert sagt über James-Bond-Filme, von denen die neueren, härteren ab zwölf und manche der älteren, harmloseren ab 16 freigegeben sind: "Das wäre vielleicht ein Fall für 14." An den historisch gewachsenen Freigabestufen will sie aber nicht rütteln. Weil sie "bekannt und gelernt" seien - und wegen des "Überprüfungsproblems" an den Kinokassen, wenn die Altersfreigaben stärker abgestuft würden: "Dann müsste man eine Kinderausweis-Tragepflicht einführen."

          FSK: Kinder vertragen heute mehr als früher

          Die unzähligen brutalen oder obszönen Szenen und Sprüche, die sich in den FSK-12-Filmen finden, sind allerdings auch für Jugendliche ab 14 ungeeignet und schädlich - weil sie überwältigen, ängstigen, schockieren, verletzen. Doch die FSK-Chefin ist der Ansicht, dass Kinder und Jugendliche heute mehr vertragen als früher.

          Die FSK handle nicht losgelöst von der Gesellschaft, und auch entwicklungspsychologische Konstanten verschöben sich: Es gebe schließlich eine „erhebliche Akzeleration“, was die Pubertät angehe. So wie die erste Monatsblutung bei Mädchen im Schnitt heute früher kommt als in den Fünfzigern, so können Kinder und Jugendliche nach Meinung von Wahlerts mehr sehen und einordnen als früher.

          Kein Wunder, gibt doch ihre Organisation diese Filme frei. Außerdem: Rechtfertigt die Geschlechtsreife von Jugendlichen, sie nun gerade in dieser sensiblen Entwicklungsphase mit parapornographischen Darstellungen und offen pornografischer Sprache zu konfrontieren? Wahlert setzt auf „Medienkompetenz“: „Es gibt Studien, die sagen, dass es für Jungen und Mädchen heute eine Selbstverständlichkeit sei, fünf, sechs Medien gleichzeitig zu nutzen, Bilder zu sehen und zugleich zu wissen, dass diese Bilder gemacht sind.“ Sie findet es schwierig, eine Antwort darauf zu finden, was denn mit Kindern sei, die von ihren Eltern vor allzu viel „Medienkompetenz“ beschützt werden.

          „Anbieter bezahlen, damit sie die Freigabe bekommen“

          Auch die Kirchen machen mit, die evangelische mit 16, die katholische mit 14 Prüfern. Peter Hasenberg koordiniert die Filmarbeit für die Deutsche Bischofskonferenz. Seine 14 Jahre alte Tochter hat noch keinen „Tatort“ im Fernsehen gesehen. Trotzdem sagt auch er: „Man weiß, dass Jugendliche mit zwölf Jahren schon ziemlich viele Sachen kennen. Sie können klar zwischen fiktional und real unterscheiden.“ Doch der katholische Filmdienst (www.film-dienst.de) hat zum Beispiel die Filme „Acht Blickwinkel“ und „Das Leben des David Gale“, welche die F.A.S.-Redaktion als „rot“ eingestuft hat (siehe Liste auf Seite 16), erst für Jugendliche von 16 Jahren an empfohlen. Aber das sei genau der Unterschied, sagt Hasenberg: dass die FSK ja keine Empfehlungen ausspreche. Außerdem wolle er die Eltern nicht aus der Verantwortung entlassen. So entlässt er sich selbst daraus.

          Sein evangelischer Kollege Udo Hahn berichtet von Überlegungen auch in der FSK, die Altersfreigaben mit Erläuterungen zu versehen. Hahn findet die amerikanische Seite www.movieguide.org gut, auf der Filme nach Kategorien „durchbewertet“ werden. Hahn schwebt eine Art Ampel-Kennzeichnung für DVDs in Deutschland vor, die den Sex- oder Gewaltgehalt angibt.

          Derzeit gehen die FSK-Gutachten nur an den Antragsteller, also die Produktionsfirma, und an die obersten Landesjugendbehörden. Die Öffentlichkeit erfährt keine Details. Der Widerstand der Filmindustrie gegen solche Erläuterungen sei groß. „Die Anbieter bezahlen, damit sie die Freigabe bekommen“, sagt Hahn. „Und die haben kein Interesse, interne Dokumente allgemein zugänglich zu machen.“ Hahn plant jetzt jedenfalls eine evangelische Plattform, die Filme nach einer Positivliste einstuft: Welche Werte werden vermittelt?

          Die FSK trifft mehr als 7000 Entscheidungen im Jahr. Die Bundesländer können den Appellationsausschuss anrufen, wenn sie an einer Entscheidung Anstoß nehmen. Laut von Wahlert geschieht das weniger als zehnmal im Jahr. Die Sache mit „Keinohrhasen“ 2007 war eine spektakuläre Ausnahme. Nachdem mehr als 300 Eltern empörte E-Mails an die FSK geschrieben hatten, erhoben mehrere Länder Einspruch, und die FSK setzte den deutschen Film, der ab sechs freigegeben war, auf zwölf hoch. „Keinohrhasen“ klingt niedlich. Mit seinen dauernden Gesprächen über Sex ist er aber auch für Kinder und Jugendliche ab zwölf völlig ungeeignet.

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