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Weltkriegsgedenken in Ypern : Auf Flanderns Todesfeldern

Endlose Gräberreihen: Was übrig blieb von dem „todesmutigen Opfergang“ Hunderttausender junger Männer, die in die Schlachten von Flandern zogen Bild: Stefan Boness/Ipon

In anderen Ländern ist Ypern bis heute eine Chiffre für das Leid des Ersten Weltkriegs. In Deutschland ist es dagegen als Gedenkort fast vergessen. Das soll sich nun ändern.

          7 Min.

          Das Licht eines langen Sommers strahlt ungewöhnlich tief in diesen späten Herbst hinein und taucht das Land in goldene Wärme. Wie soll man sich in diesem leuchtenden Sonnenuntergang die weiten Wiesen Westflanderns als Schlachtfeld der Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts vorstellen? Die 18 Oberstufenschüler aus Siegen machen sich unbeschwert scherzend auf den Weg zum „Dodengang“. Belgische Soldaten hoben den Schützengraben vor 100 Jahren am Yserkanal bei Ypern aus.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Sie nannten ihn „Totengang“, denn es war ein lebensgefährliches Rackern. Auf der anderen Seite der Yser, nur 50 Meter entfernt, lagen die Deutschen und nahmen die Belgier beinahe ständig unter Beschuss. Noch heute wird der Schützengraben schon nach wenigen Metern immer schlammiger, dann breiten sich vor den Siegener Schülern, die kaum jünger sind als damals die Soldaten, immer größere Pfützen aus. „Damals wussten die Männer in diesem Graben nicht, ob sie den nächsten Tag erleben würden. Und unser einziges Problem ist, dass unsere Schuhe schmutzig werden könnten“, sagt Celina nachdenklich.

          Um schneller nach Frankreich vorzudringen, überfielen deutsche Truppen zu Beginn des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 auch das neutrale Belgien. Zunächst stießen sie auf wenig Gegenwehr, besetzten beinahe das ganze Land. Nur ein kleines Stück Belgien zwischen Nordsee und französischer Grenze konnten französische, britische und belgische Truppen verteidigen. Nach dem deutschen Scheitern an der Marne im September versuchten beide Kriegsparteien, sich mit immer neuen Vorstößen zuzusetzen. Quer durch Nordfrankreich und Flandern bewegten sich die gegnerischen Truppen Richtung Nordsee. Bei Ypern begann sich der Krieg dann in den Boden zu fressen; aus dem Bewegungs- war ein Stellungskrieg geworden, eine nicht enden wollende industrialisierte Materialschlacht.

          Bild: F.A.Z.

          Chemielehrer und ehemaliger belgischer Soldat

          Kaum sonst wo wurde im Ersten Weltkrieg auf so engem Raum so erbittert gekämpft, kaum sonst wo wurde so viel Munition verschossen, kaum sonst wo verschwanden so viele Soldaten spurlos im Schlamm wie im sogenannten Ypernbogen. Zum ersten Giftgaseinsatz der Weltgeschichte kam es im April 1915 unter der Aufsicht des späteren Nobelpreisträgers Fritz Haber in Ypern; seine Frau Clara nahm sich bald darauf aus Trauer über das Chlorgasmorden mit dessen Dienstwaffe das Leben. Und im Juli 1917 testeten ebenfalls deutsche Truppen in Ypern erstmals Senfgas, das deshalb von vielen Soldaten „Yperit“ genannt wurde.

          London : Gedenken an Weltkriegsende

          In Belgien und ganz besonders in Großbritannien ist Ypern bis heute die Chiffre für das große Leid im Großen Krieg, jedes Jahr kommen mehr Gedenktouristen über den Kanal. In Deutschland dagegen überlagert die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg die an den Ersten. Verdun ist vielleicht manchen deutschen Schülern ein Begriff, Ypern spielt im Unterricht nur selten eine Rolle. In Siegen ist das seit vielen Jahren anders. Harry Poignie, ein belgischer Soldat aus Westflandern, der nach seiner Dienstzeit in Soest als Chemielehrer am Peter-Paul-Rubens-Gymnasium in Siegen eingestellt wurde, organisierte vor 28 Jahren die erste Ypern-Fahrt. „Es war eine Herzensanliegen für mich“, sagt Poignie auf dem Weg durch den „Dodengang“. In seiner alten Heimat ließen sich wie kaum in einer anderen Region Europas die Spuren des Ersten Weltkrieges, die unterschiedlichen Formen des Gedenkens und der Wert der europäischen Idee erleben.

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