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Wie der Erste Weltkrieg roch : Der Dunst von Schießpulver und versengtem Fleisch

  • -Aktualisiert am

Den Alltag in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs sehen wir auf Fotos, den Geruch können wir meistens nur ahnen: Deutsche Offiziere in Belgien 1917. Bild: REUTERS

Wie der Erste Weltkrieg roch, wie die Schützengräben, die Leichen – das kann man nicht in Archiven finden. Aber man kann es rekonstruieren, sagt die Geruchsforscherin Sissel Tolaas.

          5 Min.

          Der Erste Weltkrieg riecht modrig. Dunkel. Nach feuchter Erde. Er riecht nach Schießpulver, Blut, bandagierten Wunden, nach Pferdekadavern und lehmigem Boden. Krieg riecht nicht gut.

          Krieg, sagt Sissel Tolaas, sei heute nur noch Ästhetik. Die Bilder, die wir aus Filmen und dem Fernsehen kennen, berührten uns schon längst nicht mehr. Zu oft hätten wir sie gesehen. Zu fern seien sie uns. Gerüche aber kommen uns nah, weil sie so unumwunden auf uns wirken. Tolaas weiß, wovon sie spricht: Sie ist Chemikerin und hat den Geruch des Ersten Weltkriegs für eine Ausstellung nachempfunden. Auf Knopfdruck strömt er im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden aus einem kleinen Stab und kriecht einem langsam in die Nase – eine Mischung aus Brackwasser, Schlamm und versengtem Fleisch.

          „Das ist erst der Anfang“

          Als die Geruchsforscherin noch in der frühen Phase ihrer Kreation war, die eigens für die Wiedereröffnung des Museums vor drei Jahren entstand, besuchte ich sie in ihrem phänomenalen Labor in ihrer Berliner Wohnung. Sie nahm einen Papierstreifen, wie man ihn aus Parfümerien kennt, tunkte ihn in ein Fläschchen und reichte ihn herüber. „Das ist erst der Anfang“, sagte sie vielversprechend und riet mir, den Streifen lieber erst einmal weit von der Nase weg zu halten. Damit mir nicht sofort schlecht wird. Was natürlich trotzdem passierte. Das Gemisch roch übel, unheimlich, scharf, ein wenig nach abgefackelten Böllern. Ein Geruch, den man am liebsten gleich vergessen möchte. Weil er einem die Brust seltsam schwer macht.

          Vor allem dann, wenn man gerade Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ noch einmal gelesen hat. Es riecht, als wäre man unmittelbar dabei. Als höre man den Protagonisten Paul Bäumer sprechen: „Erde – Erde – Erde! Erde, mit deinen Bodenfalten und Löchern und Vertiefungen, in die man sich hineinwerfen, hineinkauern kann! Erde, du gabst uns im Krampf des Grauens, im Aufspritzen der Vernichtung, im Todesbrüllen der Explosionen die ungeheure Widerwelle gewonnenen Lebens! ... Man kann es nicht erklären. Man geht und denkt an nichts – und plötzlich liegt man in einer Bodenmulde und über einem spritzen die Splitter hinweg; aber man kann sich nicht entsinnen, die Granate kommen gehört oder den Gedanken gehabt zu haben, sich hinzulegen. Hätte man sich darauf verlassen sollen, man wäre bereits ein Haufen verstreutes Fleisch.“

          Die Welt in Molekülen: Geruchsforscherin Tolaas

          Es ist ein heftiger Geruch, der Geruch der Schlacht, räumt Tolaas ein. Aber darum geht es ihr auch: die Welt abzubilden in Molekülen. Die Realität, so wie sie ist. Wir seien viel zu sehr auf unseren Sehsinn fixiert, findet die Norwegerin. Wir sollten den Geruchssinn ernster nehmen. Und die vielen Informationen, die in Gerüchen stecken. Als Geruchsforscherin interessiert sie sich für die Kommunikation, die jenseits der Sprache steckt. Mit ihren Geruchskreationen hat sie die Menschen schon erfreut, erstaunt, belustigt und zum Weinen gebracht.

          Etwa, als sie die Gerüche in einer leeren Wohnung analysierte und wiederherstellte, so dass es so roch, als wäre sie noch bewohnt: mit Fischstäbchen auf dem Tisch und einem Hund in der Ecke, obwohl man nichts sah. Oder als sie den Geruch des Geldes nachahmte oder die Kleidungsstücke verschiedener Menschen untersuchte, auf die Gerüche, die sich darin verstecken, obwohl man sie nicht explizit riecht. Da waren dann Spuren von Rauch, Schweiß, Katze, Sojasauce, Benzin, fremdem Aftershave, Kaugummi, Kabeljau.

          Geruchsempfindung hat starken Einfluss auf uns

          Sissel Tolaas stellt auch olfaktorische Städteporträts her, gerade arbeitet sie an Istanbul und Tel Aviv. Paris, Stockholm, Berlin und andere gibt es schon. Einmal entwarf sie in Zusammenarbeit mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) Boston eine Ausstellung zum Thema „Angstschweiß“, die gerade in Tokio Station machte und als Nächstes in Tel Aviv zu riechen sein wird. Dabei sind nur die Umrisse von Körpern auf den Ausstellungswänden zu sehen, darin aber befinden sich, aufgetragen auf die Wand: die Gerüche von Männern in Angst und Sorge. Eine Besucherin dieser Ausstellung verliebte sich daraufhin in einen der Männer (Typ Nummer 8) und wollte ihn am liebsten beschützen. Und ein älterer Mann aus Korea brach in Tränen aus, weil er den Geruch von Typ Nummer 6 noch aus dem Krieg erinnerte.

          Reaktionen wie diese sind kein Wunder, der Geruchssinn ist von all unseren Sinnen der älteste und ursprünglichste und derjenige, der am direktesten mit unserem Gehirn verbunden ist. Deshalb haben Gerüche auch so starken Einfluss auf uns. Und wir können ihnen nicht entkommen. Jeder kennt das, Marcel Proust hat es in der vielleicht berühmtesten Szene seiner monumentalen „Suche nach der verlorenen Zeit“ geschildert: Allein der Hauch eines Odeurs, den wir aus der Vergangenheit kennen, vermag es, unmittelbar Szenen aus unserer Erinnerung wachzurufen und vor unserem inneren Auge abspielen zu lassen.

          Sissel Tolaas erkannte den Einfluss von Gerüchen schon früh. Schon als Kind in Norwegen roch sie Dinge, die andere nicht rochen, etwa wenn das Wetter umschwang. Sie erkannte den Regen, verschiedene Sorten von Wind und Schnee. Später fing sie an, Gerüche zu sammeln, so „wie andere Tagebuch schrieben“. Sie nahm Geruchsproben mit nach Hause und bemühte sich, Geruchsmomente einzufangen. Später studierte sie Mathematik, Chemie, Linguistik und bildende Kunst in Oslo, Warschau, St. Petersburg, Moskau und Oxford – und nie ließ ihre Begeisterung für Gerüche nach.

          Analysen mit dem Geruchsstaubsauger

          Tolaas fragte sich, wie sie mit Gerüchen kommunizieren und wie sie sich ihre eigenen Vorurteile gegenüber bestimmten Gerüchen abtrainieren könne. Schließlich entschied sie sich, sie zu erforschen. In ihrem heimischen Labor findet sich heute ein ganzes Arsenal an Fläschchen: 6.730 Gerüche lagern dort – von Kaugummi bis Hundekot, von Rosenblättern über Pizza bis zu stinkenden Socken, von heißem Asphalt bis zu vergammelter Mango. Ihre Geruchssammlung ist ihr Alphabet – um sich auszudrücken.

          Um die Gerüche einzufangen, zieht sie normalerweise mit einem kleinen Gerät los, das „Headspace“ heißt, es ist eine Art Geruchsstaubsauger. Ein kleiner, blauer Kasten, der rattert wie ein leiser Motor, mit einem hautfarbenen Gummischlauch daran. Damit saugt sie die Gerüche auf und analysiert sie später per Computer auf ihre Bestandteile. So findet sie heraus, aus welchen Molekülen ein Geruch besteht – und baut ihn anschließend chemisch nach.

          Nur als sie an dem Geruch des Ersten Weltkrieges arbeitete, konnte Sissel Tolaas nicht auf den „Headspace“ zurückgreifen. Den Geruch des Ersten Weltkriegs gab es nun einmal – glücklicherweise – nicht mehr. Die Geruchsforscherin recherchierte also in Büchern und Archiven, wie es damals in den Schützengräben etwa in Frankreich und Belgien wohl gewesen sein mag und was dort in der Luft lag. Sie las in Tagebüchern damaliger Soldaten, sprach mit Generälen der Bundeswehr und mit Veteranen und fragte sie: Wie riechen die Gräben? Wie riecht der Tod?, Wie riechen Kadaver? Anderthalb Jahre lang arbeitete sie an der richtigen olfaktorischen Mischung, die sie chemisch aus den unterschiedlichsten Elementen zusammenstellte.

          „Riecht wie feuchter Boden“

          Heute kann man eine Vorstellung davon bekommen – in dem ohnehin beeindruckenden Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden, das darauf setzt, zu zeigen, was der Krieg mit den Menschen macht. Schon von außen kann man es sehen. Der Architekt Daniel Libeskind hat einen riesigen stählernen Keil in das Gebäude hinein getrieben, der die Fassade durchdringt. Man kann den Keil sogar betreten, keine Wand ist dort gerade, auch der Boden nicht. Es soll zeigen, wie sehr ein Krieg alles aus den Angeln hebt.

          Wenn Hauptmann Martin Nagel heute mit den Besuchern durch die Ausstellung geht und ihnen vom Geruch des Ersten Weltkrieges erzählt, zeigt sich anfangs oft Skepsis in den Gesichtern, erzählt er. Und wenn sie dann eine Prise davon nehmen, „merkt man, wie es in ihren Köpfen arbeitet. Wie sie überlegen, was das genau sein könnte, was sie da riechen.“ „Riecht wie feuchter Boden“, sagen dann viele. Oder: „Wie ein nasser Lappen.“ Manche finden es eklig und zeigen Abwehr.

          Wie stark die Reaktion ausfällt, hängt sicher auch davon ab, wie sehr man sich mit dem Krieg auseinandergesetzt hat – mit den jungen Männern, die damals vielfach freiwillig in den Krieg marschierten, bevor sie später in den Schützengräben zu Hunderttausenden starben oder die Kameraden qualvoll verenden sahen und nach Kriegsende gebrochen nach Hause kehrten.

          Die meisten Besucher zeigen sich beeindruckt, wenn sie den Geruch der Schlacht gerochen haben, erzählt Hauptmann Nagel. Man erkenne Betroffenheit. Krieg von einer Abstraktion in einen Sinneseindruck zu verwandeln: Keine ganz geringe Leistung für – einen Geruch.

          Als ich Sissel Tolaas besuchte, gab sie mir zum Abschied schnell ein paar weitere Papierstreifen in die Hand. „Ich lasse dich nicht gehen, bevor du nicht ein paar Blumen gerochen hast“, sagte sie. „Sonst behältst du mich noch in schlechter Erinnerung.“ Und so nahm ich einen tiefen Nasenzug Jasmin und einen von der Gallica-Rose. Und doch habe ich ihn bis heute nicht vergessen – den Geruch der Schlacht.

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