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Wie der Erste Weltkrieg roch : Der Dunst von Schießpulver und versengtem Fleisch

  • -Aktualisiert am

Den Alltag in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs sehen wir auf Fotos, den Geruch können wir meistens nur ahnen: Deutsche Offiziere in Belgien 1917. Bild: REUTERS

Wie der Erste Weltkrieg roch, wie die Schützengräben, die Leichen – das kann man nicht in Archiven finden. Aber man kann es rekonstruieren, sagt die Geruchsforscherin Sissel Tolaas.

          Der Erste Weltkrieg riecht modrig. Dunkel. Nach feuchter Erde. Er riecht nach Schießpulver, Blut, bandagierten Wunden, nach Pferdekadavern und lehmigem Boden. Krieg riecht nicht gut.

          Krieg, sagt Sissel Tolaas, sei heute nur noch Ästhetik. Die Bilder, die wir aus Filmen und dem Fernsehen kennen, berührten uns schon längst nicht mehr. Zu oft hätten wir sie gesehen. Zu fern seien sie uns. Gerüche aber kommen uns nah, weil sie so unumwunden auf uns wirken. Tolaas weiß, wovon sie spricht: Sie ist Chemikerin und hat den Geruch des Ersten Weltkriegs für eine Ausstellung nachempfunden. Auf Knopfdruck strömt er im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden aus einem kleinen Stab und kriecht einem langsam in die Nase – eine Mischung aus Brackwasser, Schlamm und versengtem Fleisch.

          „Das ist erst der Anfang“

          Als die Geruchsforscherin noch in der frühen Phase ihrer Kreation war, die eigens für die Wiedereröffnung des Museums vor drei Jahren entstand, besuchte ich sie in ihrem phänomenalen Labor in ihrer Berliner Wohnung. Sie nahm einen Papierstreifen, wie man ihn aus Parfümerien kennt, tunkte ihn in ein Fläschchen und reichte ihn herüber. „Das ist erst der Anfang“, sagte sie vielversprechend und riet mir, den Streifen lieber erst einmal weit von der Nase weg zu halten. Damit mir nicht sofort schlecht wird. Was natürlich trotzdem passierte. Das Gemisch roch übel, unheimlich, scharf, ein wenig nach abgefackelten Böllern. Ein Geruch, den man am liebsten gleich vergessen möchte. Weil er einem die Brust seltsam schwer macht.

          Vor allem dann, wenn man gerade Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ noch einmal gelesen hat. Es riecht, als wäre man unmittelbar dabei. Als höre man den Protagonisten Paul Bäumer sprechen: „Erde – Erde – Erde! Erde, mit deinen Bodenfalten und Löchern und Vertiefungen, in die man sich hineinwerfen, hineinkauern kann! Erde, du gabst uns im Krampf des Grauens, im Aufspritzen der Vernichtung, im Todesbrüllen der Explosionen die ungeheure Widerwelle gewonnenen Lebens! ... Man kann es nicht erklären. Man geht und denkt an nichts – und plötzlich liegt man in einer Bodenmulde und über einem spritzen die Splitter hinweg; aber man kann sich nicht entsinnen, die Granate kommen gehört oder den Gedanken gehabt zu haben, sich hinzulegen. Hätte man sich darauf verlassen sollen, man wäre bereits ein Haufen verstreutes Fleisch.“

          Die Welt in Molekülen: Geruchsforscherin Tolaas

          Es ist ein heftiger Geruch, der Geruch der Schlacht, räumt Tolaas ein. Aber darum geht es ihr auch: die Welt abzubilden in Molekülen. Die Realität, so wie sie ist. Wir seien viel zu sehr auf unseren Sehsinn fixiert, findet die Norwegerin. Wir sollten den Geruchssinn ernster nehmen. Und die vielen Informationen, die in Gerüchen stecken. Als Geruchsforscherin interessiert sie sich für die Kommunikation, die jenseits der Sprache steckt. Mit ihren Geruchskreationen hat sie die Menschen schon erfreut, erstaunt, belustigt und zum Weinen gebracht.

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