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Wie der Erste Weltkrieg roch : Der Dunst von Schießpulver und versengtem Fleisch

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Um die Gerüche einzufangen, zieht sie normalerweise mit einem kleinen Gerät los, das „Headspace“ heißt, es ist eine Art Geruchsstaubsauger. Ein kleiner, blauer Kasten, der rattert wie ein leiser Motor, mit einem hautfarbenen Gummischlauch daran. Damit saugt sie die Gerüche auf und analysiert sie später per Computer auf ihre Bestandteile. So findet sie heraus, aus welchen Molekülen ein Geruch besteht – und baut ihn anschließend chemisch nach.

Nur als sie an dem Geruch des Ersten Weltkrieges arbeitete, konnte Sissel Tolaas nicht auf den „Headspace“ zurückgreifen. Den Geruch des Ersten Weltkriegs gab es nun einmal – glücklicherweise – nicht mehr. Die Geruchsforscherin recherchierte also in Büchern und Archiven, wie es damals in den Schützengräben etwa in Frankreich und Belgien wohl gewesen sein mag und was dort in der Luft lag. Sie las in Tagebüchern damaliger Soldaten, sprach mit Generälen der Bundeswehr und mit Veteranen und fragte sie: Wie riechen die Gräben? Wie riecht der Tod?, Wie riechen Kadaver? Anderthalb Jahre lang arbeitete sie an der richtigen olfaktorischen Mischung, die sie chemisch aus den unterschiedlichsten Elementen zusammenstellte.

„Riecht wie feuchter Boden“

Heute kann man eine Vorstellung davon bekommen – in dem ohnehin beeindruckenden Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden, das darauf setzt, zu zeigen, was der Krieg mit den Menschen macht. Schon von außen kann man es sehen. Der Architekt Daniel Libeskind hat einen riesigen stählernen Keil in das Gebäude hinein getrieben, der die Fassade durchdringt. Man kann den Keil sogar betreten, keine Wand ist dort gerade, auch der Boden nicht. Es soll zeigen, wie sehr ein Krieg alles aus den Angeln hebt.

Wenn Hauptmann Martin Nagel heute mit den Besuchern durch die Ausstellung geht und ihnen vom Geruch des Ersten Weltkrieges erzählt, zeigt sich anfangs oft Skepsis in den Gesichtern, erzählt er. Und wenn sie dann eine Prise davon nehmen, „merkt man, wie es in ihren Köpfen arbeitet. Wie sie überlegen, was das genau sein könnte, was sie da riechen.“ „Riecht wie feuchter Boden“, sagen dann viele. Oder: „Wie ein nasser Lappen.“ Manche finden es eklig und zeigen Abwehr.

Wie stark die Reaktion ausfällt, hängt sicher auch davon ab, wie sehr man sich mit dem Krieg auseinandergesetzt hat – mit den jungen Männern, die damals vielfach freiwillig in den Krieg marschierten, bevor sie später in den Schützengräben zu Hunderttausenden starben oder die Kameraden qualvoll verenden sahen und nach Kriegsende gebrochen nach Hause kehrten.

Die meisten Besucher zeigen sich beeindruckt, wenn sie den Geruch der Schlacht gerochen haben, erzählt Hauptmann Nagel. Man erkenne Betroffenheit. Krieg von einer Abstraktion in einen Sinneseindruck zu verwandeln: Keine ganz geringe Leistung für – einen Geruch.

Als ich Sissel Tolaas besuchte, gab sie mir zum Abschied schnell ein paar weitere Papierstreifen in die Hand. „Ich lasse dich nicht gehen, bevor du nicht ein paar Blumen gerochen hast“, sagte sie. „Sonst behältst du mich noch in schlechter Erinnerung.“ Und so nahm ich einen tiefen Nasenzug Jasmin und einen von der Gallica-Rose. Und doch habe ich ihn bis heute nicht vergessen – den Geruch der Schlacht.

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