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Wie der Erste Weltkrieg roch : Der Dunst von Schießpulver und versengtem Fleisch

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Etwa, als sie die Gerüche in einer leeren Wohnung analysierte und wiederherstellte, so dass es so roch, als wäre sie noch bewohnt: mit Fischstäbchen auf dem Tisch und einem Hund in der Ecke, obwohl man nichts sah. Oder als sie den Geruch des Geldes nachahmte oder die Kleidungsstücke verschiedener Menschen untersuchte, auf die Gerüche, die sich darin verstecken, obwohl man sie nicht explizit riecht. Da waren dann Spuren von Rauch, Schweiß, Katze, Sojasauce, Benzin, fremdem Aftershave, Kaugummi, Kabeljau.

Geruchsempfindung hat starken Einfluss auf uns

Sissel Tolaas stellt auch olfaktorische Städteporträts her, gerade arbeitet sie an Istanbul und Tel Aviv. Paris, Stockholm, Berlin und andere gibt es schon. Einmal entwarf sie in Zusammenarbeit mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) Boston eine Ausstellung zum Thema „Angstschweiß“, die gerade in Tokio Station machte und als Nächstes in Tel Aviv zu riechen sein wird. Dabei sind nur die Umrisse von Körpern auf den Ausstellungswänden zu sehen, darin aber befinden sich, aufgetragen auf die Wand: die Gerüche von Männern in Angst und Sorge. Eine Besucherin dieser Ausstellung verliebte sich daraufhin in einen der Männer (Typ Nummer 8) und wollte ihn am liebsten beschützen. Und ein älterer Mann aus Korea brach in Tränen aus, weil er den Geruch von Typ Nummer 6 noch aus dem Krieg erinnerte.

Reaktionen wie diese sind kein Wunder, der Geruchssinn ist von all unseren Sinnen der älteste und ursprünglichste und derjenige, der am direktesten mit unserem Gehirn verbunden ist. Deshalb haben Gerüche auch so starken Einfluss auf uns. Und wir können ihnen nicht entkommen. Jeder kennt das, Marcel Proust hat es in der vielleicht berühmtesten Szene seiner monumentalen „Suche nach der verlorenen Zeit“ geschildert: Allein der Hauch eines Odeurs, den wir aus der Vergangenheit kennen, vermag es, unmittelbar Szenen aus unserer Erinnerung wachzurufen und vor unserem inneren Auge abspielen zu lassen.

Sissel Tolaas erkannte den Einfluss von Gerüchen schon früh. Schon als Kind in Norwegen roch sie Dinge, die andere nicht rochen, etwa wenn das Wetter umschwang. Sie erkannte den Regen, verschiedene Sorten von Wind und Schnee. Später fing sie an, Gerüche zu sammeln, so „wie andere Tagebuch schrieben“. Sie nahm Geruchsproben mit nach Hause und bemühte sich, Geruchsmomente einzufangen. Später studierte sie Mathematik, Chemie, Linguistik und bildende Kunst in Oslo, Warschau, St. Petersburg, Moskau und Oxford – und nie ließ ihre Begeisterung für Gerüche nach.

Analysen mit dem Geruchsstaubsauger

Tolaas fragte sich, wie sie mit Gerüchen kommunizieren und wie sie sich ihre eigenen Vorurteile gegenüber bestimmten Gerüchen abtrainieren könne. Schließlich entschied sie sich, sie zu erforschen. In ihrem heimischen Labor findet sich heute ein ganzes Arsenal an Fläschchen: 6.730 Gerüche lagern dort – von Kaugummi bis Hundekot, von Rosenblättern über Pizza bis zu stinkenden Socken, von heißem Asphalt bis zu vergammelter Mango. Ihre Geruchssammlung ist ihr Alphabet – um sich auszudrücken.

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