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Weltkriegsgedenken in Verdun : Ins Beinhaus von Douaumont

Welle für Welle in den Schlund der Hölle geschickt: Deutsche Soldaten bei einem Angriff vor Verdun Bild: Picture-Alliance

Wo, wenn nicht in Verdun, sollte Europa begreifen können, dass die Serie seiner Krisen ein unvergleichlich glücklicherer Zustand ist als das, was früher europäische Normalität war, der Krieg?

          In Dresden kann man riechen, wie der Krieg im Graben roch: nach Tod, Verwesung, Pulver, Latrine, Brand, Angst, Mensch, Pferd, Ratte. Genauer gesagt: Wie er gerochen haben könnte, denn was dem Besucher auf Knopfdruck im Militärhistorischen Museum entgegenweht, ist ein Gemisch aus der Retorte. Wie nahe kommt es dem Odem der industrialisierten Vernichtung, der vier Jahre lang die Schlachtfelder Europas durchströmte? Wie roch das Giftgas, bevor es Nase und Lunge zerfraß? Es lebt niemand mehr, der in den Schützengräben kämpfte und persönlich davon berichten könnte. Das Grauen des „Großen Krieges“, wie ihn die Engländer nennen, wird nur noch in Gedenkstätten, Museen, Büchern und Filmaufnahmen erzählt, die die Generation Ego-Shooter so interessieren wie die stummen Streifen mit Buster Keaton.

          Welcher Urenkel oder Ururenkel weiß heute noch, wo der Urgroßvater oder Ururgroßvater fiel? Dass er fiel? Im 21. Jahrhundert geborenen Schülern ist schon der Zweite Weltkrieg nicht viel näher als der Dreißigjährige Krieg. Dem Krieg von 1914 bis 1918 gelingt es allenfalls an Gedenktagen, aus dem Schatten seines noch schrecklicheren Nachfolgers zu treten – obwohl doch gerade wir Deutsche davon überzeugt sind, Völker könnten, ja müssten aus der Geschichte lernen. Das deutsche Grundgesetz, unser ganzer Staat, ist Ausdruck dieses Glaubens.

          Das gilt auch für die europäische Einigung und das Gebäude, das in ihrem Namen errichtet worden ist, die Europäische Union. Der furchtbare Vater des Traums von einem vereinten Europa, das sich nicht alle paar Jahre wieder an die Gurgel geht, war der Erste Weltkrieg. Doch erst nach einem weiteren, noch mörderischen Waffengang ließen allen voran Deutsche und Franzosen dieser Vision politische Taten folgen, die es unmöglich machen sollten, dass die europäischen Völker noch einmal ihre Söhne, Brüder, Väter in „Blutmühlen“ schicken. Europa führte aller Welt vor, dass und wie „Erbfeindschaft“ überwindbar ist. Die Deutschen begeisterten sich besonders für die europäische Sache, die ihnen nach der totalen Niederlage die Möglichkeit zum Wiederaufstieg und zur Rehabilitierung bot.

          Doch die Anziehungskraft dieser Idee scheint – nicht nur in Deutschland – mit jedem Jahr nachzulassen, das sich zwischen die Gegenwart und Verdun, Coventry, Stalingrad und Dresden schiebt. Die Macht des mit dem Blut von Millionen geschriebenen Gründungsmythos droht zu erlöschen, bevor eine neue Vision an seine Stelle getreten ist. Wie soll man ihn auch Menschen nahebringen, die Europa nie als etwas anderes erlebten als einen grenzenlosen Raum der Freiheit, des Friedens und des Wohlstands? Wie ihnen erklären, dass das als selbstverständlich Erachtete nicht selbstverständlich ist? Dass sich dahinter entsetzliches Leid, große Anstrengungen, aber auch Erfolge verbergen, die vor hundert Jahren unvorstellbar waren?

          Den Staffelstab der Erinnerung können nicht nur Geschichtslehrer und Museumspädagogen weitergeben. Das ist Aufgabe der ganzen Gesellschaft, die sich so intensiv mit den dunklen Seiten ihrer Vergangenheit beschäftigte, dass ihr offenbar zu wenig Zeit blieb, um von den Erfolgen der Versöhnung und der Einigung zu erzählen. Gefordert sind besonders die Generationen, die noch die Spaltung Europas erlebt haben, den Kalten Krieg und die Zählebigkeit nationaler Ressentiments. Es ist erschreckend, mit welcher Leichtfertigkeit, Geschichtsvergessenheit und mit welchem Hass oft über die EU und ihre Repräsentanten hergezogen wird. Gründe für berechtigte Kritik gibt es genug. Die Ursachen dafür, dass „Europa“ zu einem Synonym für „Krise“ wurde, sind jedoch nicht nur in Brüssel zu finden. Dafür tragen auch Mitgliedstaaten und Regierungen Verantwortung, die die europäische Einheit für ein Konto halten, von dem man immerzu abheben kann, ohne je wieder etwas darauf einzahlen zu müssen. Sie ist aber kein unerschöpfliches Füllhorn.

          Die Geschichte dagegen kam 1989 nicht an ihr Ende. Nicht nur vor den Toren, auch in Europa selbst wird wieder Krieg geführt. Russland annektierte die Krim unter Verweis auf historische Ansprüche. Hat niemand Deja-vu-Erlebnisse? Gewiss, Geschichte wiederholt sich nicht. Der Frühling des Jahres 2016 ähnelt in nichts dem Frühling von 1914. Und doch überrascht es, mit welcher Überheblichkeit mitunter auf die Schlafwandler von damals geblickt wird: So wird uns das nicht wieder passieren! Aber auch nicht (ganz) anders? Haben wir wirklich verstanden, wie es möglich war, dass Kulturnationen ihre Jugend in den Schlund der Hölle trieben, Welle um Welle, vier Jahre lang?

          Wer glaubt, dass die Vergangenheit Einfluss darauf hat, wer wir sind und was wir tun, sollte seine Kinder nicht nur nach Buchenwald und Auschwitz schicken, sondern auch nach Verdun, ins Beinhaus von Douaumont. Die jungen Deutschen können, wie jede Generation, nur selbst entscheiden, welche Lehren sie aus der Geschichte ziehen. Wo aber, wenn nicht auf den ehemaligen Schlachtfeldern an Maas und Somme, sollte ganz Europa begreifen können, dass die Serie seiner Krisen ein unvergleichlich glücklicherer Zustand ist als das, was früher europäische Normalität war, der Krieg?

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