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FAZ Plus Artikel Matrosenaufstand 1918 : Als Deutschland den Frieden verlor

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Sie wollten nicht gegen Großbritannien auslaufen:Matrosen demonstrieren im Oktober 1918 in Kiel. Bild: Picture-Alliance

Vor einem Jahrhundert trieben meuternde Matrosen den Kaiser ins Exil. Sie marschierten in Großstädten und wollten die Revolution im Reich verbreiten. Doch Vorkämpfer der Demokratie waren sie längst nicht.

          Die 19 Männer, die sich am 17. Oktober 1918 im holzgetäfelten Konferenzzimmer des Berliner Dienstsitzes von Reichskanzler Max von Baden versammelten, dürften keinen Sinn gehabt haben für die Schönheit des milden Herbsttags. Das Kriegskabinett, gebildet aus den Spitzen von Verwaltung und Militär, war zusammengetreten, um eine Note des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson zu beantworten und über die Situation des bedrängten Reiches zu beraten: Der genau zwei Wochen zuvor ins Amt gekommene Kanzler stand einer Regierung unter Beteiligung von SPD, Zentrum und Liberalen vor und wollte Frieden.

          Das Protokoll jener Sitzung, das erhalten blieb, zeichnet ein widersprüchliches Bild der Lage. Max von Baden, den Generälen gegenüber sonst misstrauisch eingestellt, hielt zwar die Warnungen der Obersten Heeresleitung vor einem baldigen Zusammenbruch der Front für überzogen, glaubte aber nicht mehr an einen Sieg. Sein Kampf galt dem Kalender: Er wollte Zeit gewinnen für Verhandlungen. Um keinen Diktatfrieden oktroyiert zu bekommen, zählte dazu auch die Präsenz militärischer Stärke. Der uneingeschränkte U-Boot-Krieg, der die Vereinigten Staaten an die Seite der Alliierten getrieben hatte, gehörte nicht dazu und sollte eingestellt werden; gegen diese einseitige Vorausleistung Deutschlands regte sich Widerspruch, aber der Kanzler setzte sich durch. Admiral Reinhard Scheer, seit August Chef der Seekriegsleitung, quittierte es weitgehend schweigend, bemerkte aber: „Damit erhält die Flotte ihre Operationsfreiheit zurück.“

          Was er darunter verstand, wurde in den Tagen danach einem exklusiven Kreis in der Marineführung deutlich. Scheer und der ihm unterstellte Admiral Franz von Hipper, sein Nachfolger als Führer der Hochseeflotte, wollten in letzter Minute Deutschland einen schmachvollen Frieden ersparen. Für ihre Initiative hatten sie auch andere Gründe: Ob es überhaupt zu einem Friedensschluss kommen würde, war zweifelhaft, und noch immer starben in Deutschland täglich vor allem Alte, Kinder und Kranke an Entkräftung, weil die Fernblockade der Royal Navy die Zufuhr von Nahrungsmitteln über den Seeweg verhinderte.

          Die Warnung bestätigte sich zwei Jahre später

          Dagegen konnte nur die während des Krieges weitgehend geschonte Flotte wirken. Sie war der letzte verbliebene strategische Aktivposten Deutschlands und ein militärischer Machtfaktor, den die Alliierten fürchteten. „Es ist äußerst gefährlich, wenn wir glauben, dass unsere Schiffe insgesamt bessere oder selbst nur gleichwertige Kampfinstrumente sind“, schrieb der damalige britische Flottenchef John Jellicoe im August 1914. Die Warnung bestätigte sich zwei Jahre später während der Skagerrakschlacht, die zum Duell zwischen Hipper und dem britischen Admiral David Beatty geriet. Obwohl er von vier schnellen Schlachtschiffen unterstützt wurde und Hippers fünf Schlachtkreuzern sechs eigene entgegensetzen konnte, war es für die Royal Navy ein Debakel: Im präzisen Feuer der Deutschen explodierten zwei Schlachtkreuzer, bevor Beatty angesichts des sich mit dem Gros der Hochseeflotte nähernden Scheer das Gefecht abbrach und die gegnerischen Verbände auf Jellicoes Hauptstreitmacht zog. Deren Gefecht verlief, wiederum bei höheren Verlusten für die Royal Navy, unentschieden. Die britische Öffentlichkeit war entsetzt. Als zwei Tage später Beattys dezimierter Verband beim schottischen Rosyth vor Anker ging, begrüßten ihn Werftarbeiter mit Pfiffen und höhnischem Gelächter.

          Statt des ehrgeizigen Admirals wurde Jellicoe zum Sündenbock, obwohl Winston Churchill – bei Kriegsbeginn selbst Erster Lord der Admiralität und inzwischen zurückgetreten – damals schrieb: „Er war der einzige Mann auf beiden Seiten, der den Krieg an einem Nachmittag verlieren konnte.“ Und dieses Diktum galt 1918 immer noch: Die Alliierten waren auf die Seeherrschaft der Royal Navy angewiesen, die Versorgung der Britischen Inseln hing ebenso davon ab wie der Zufluss an frischen Truppen aus den Vereinigten Staaten und der Nachschubverkehr im Ärmelkanal für die Einheiten in Frankreich.

          Zum 100. Jahrestag des Aufstands zeigt das Kieler Schifffahrtsmuseum bis zum 17. März 2019 eine Sonderausstellung.

          Das wussten auch Scheer und Hipper. Sie planten einen schnellen Vorstoß bis zur Themse-Mündung und wollten auf der Rückfahrt die aus ihren Basen im Norden des Königreichs heraneilende britische Grand Fleet nahe der Insel Terschelling stellen – die Marineführung konnte entscheiden, ob sich die Hochseeflotte zur Schlacht stellt; immer würde es in der Nähe der eigenen Küste sein, wo deutsche Luftschiffe die Bewegungen der fernab ihrer Stützpunkte operierenden gegnerischen Flotte aufklären könnten. Auf den Anmarschwegen der Briten plazierte U-Boote sowie Minen sollten zuvor die zahlenmäßige Überlegenheit der Royal Navy egalisieren.

          Nichts davon stimmte, alles wurde geglaubt

          Mit Minen hatte die Kaiserliche Marine bereits Erfolge errungen. Am 27. Oktober 1914 sank das frisch fertiggestellte 25000-Tonnen-Schlachtschiff „Audacious“ in der Irischen See nach nur einem Minentreffer. 1916 erging es dem Lazarettschiff „Britannic“ in der Ägäis ebenso. Ihre Schwester, die „Titanic“, hatte sich nach der Kollision mit dem Eisberg noch 160 Minuten über Wasser halten können, die „Britannic“ trotz zahlreicher Verbesserungen nur 58 Minuten. Und im selben Jahr traf es sogar Herbert Kitchener: Der Kreuzer, der ihn zu Gesprächen nach St. Petersburg bringen sollte, lief auf eine Mine und riss den britischen Kriegsminister und seinen Stab mit in die Tiefe.

          Die Strategie der Seekriegsleitung, „Operationsplan 19“ genannt, scheiterte an den deutschen Matrosen, unter denen es wegen der schlechten Versorgungslage und der strengen Disziplin schon lange gärte. Am 29. Oktober war die deutsche Flotte versammelt, klar zum Auslaufen um Mitternacht, als Signallichter durch die Bullaugen der Schiffe blitzten und Gerüchte verbreiteten: Der 69 Jahre alte Großadmiral Alfred von Tirpitz, der Schöpfer der Flotte, sei aus dem Ruhestand zurückgekehrt, um sie in ihre Götterdämmerung zu führen; die Seekriegsleitung habe eine förmliche britische Aufforderung zu einem Duell auf Leben und Tod angenommen; der Kaiser sei mit Hipper an Bord des Flottenflaggschiffs „Baden“ gegangen, um auf ihm zu sterben.

          Nichts davon stimmte, alles wurde geglaubt. Meuternde Matrosen löschten Kesselfeuer und warfen Geschützverschlüsse über Bord. Die Marineführung konnte die Lage nicht mehr kontrollieren, bald wehten rote Fahnen über den Schiffen. Der SPD-Marinereferent Gustav Noske, vom Reichskanzler entsandt, vermochte die Entwicklung nur zu verzögern. Der Kaiser dankte ab und floh einige Tage später ins Exil, während Einheiten der von den Matrosen gebildeten „Volksmarinedivision“ in die großen Städte marschierten und die Revolution im Reich verbreiteten.

          Wilhelmshaven, Ausgangspunkt der roten Revolution

          Deren Anhänger radikalisierten sich zunehmend und nahmen die inzwischen ausgerufene fragile Republik ins Visier. In der Hauptstadt brauchte es den Schulterschluss zwischen alten und neuen Eliten, um die Ordnung wiederherzustellen; dort misshandelten Matrosen im Dezember den festgesetzten Stadtkommandanten Otto Wels (15 Jahre später sollte er sich als Vorsitzender der SPD-Reichstagsfraktion mit seiner Rede gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz in die Ruhmeshalle der Demokratie einschreiben) und plünderten das wenige Wochen zuvor noch von der kaiserlichen Familie bewohnte Hohenzollernschloss, bis Friedrich Ebert in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Rates der Volksbeauftragten, der provisorischen Regierung, reguläre Heereseinheiten zu Hilfe rief. Sie belagerten das Gebäude und erreichten eine Verhandlungslösung. Am 30. Dezember bewachten Abteilungen der Volksmarinedivision das Preußische Abgeordnetenhaus, wo sich die Kommunistische Partei Deutschlands gründete; sie wollte nicht die Demokratie, sondern die Macht.

          Auch Wilhelmshaven, Ausgangspunkt der roten Revolution, blieb nicht von deren Folgen verschont: Im Januar putschten Matrosen, beraubten die örtliche Reichsbank-Filiale und erklärten die Stadt gemäß sowjetischem Vorbild zur sozialistischen Räterepublik. Auf Bitten protestierender Einwohner schlugen loyale Offiziere und Berufssoldaten der ehemaligen Kaiserlichen Marine den Coup nieder.

          Als sich die Republik stabilisiert hatte, waren es vor allem Publizisten der extremen Linken, die an der Deutung der Meuterer festhielten. Später berief sich die zweite deutsche Diktatur auf sie: Noch 1980 brachte die SED-Bezirksführung am Marinehaus in der Berliner Luisenstadt, wo 1919 zeitweise der Stab der Volksmarinedivision untergebracht gewesen war, eine in der Diktion von Epoche und System gehaltene Gedenktafel an: „In den schweren Kämpfen der Konterrevolution stand sie fest an der Seite des Berliner Proletariats.“ Und aktuell behauptet der Norddeutsche Rundfunk in der Ankündigung einer einschlägigen Dokumentation (NDR, 4. November, 20.15 Uhr), SPD-Mann Noske habe den Aufstand durch „Intrigen“ beendet – und wiederholt damit die Vorwürfe, deren sich der damalige Reichswehrminister als vermeintlicher Verräter seiner Klasse in der Weimarer Republik erwehren musste.

          Das Motiv einer Ehrenrettung der Marine werde „zu stark betont“

          Max von Baden scheint es geahnt zu haben. Nur zwei Jahre vor seinem Tod vollendete er 1927 die Monographie „Erinnerungen und Dokumente“, in der er detailliert über die Vorkommnisse im Oktober und November 1918 referierte. Und sosehr er die Admirale darin für ihre Geheimhaltung kritisierte, so überzeugt präsentierte er sich von deren Intention: Die „militärisch-politische Zweckmäßigkeit“ des Unternehmens sei, so der einstige Reichskanzler, „unbedingt zu bejahen“, nur der Zeitpunkt sei schlecht gewählt. Erst nach Erhalt und Zurückweisung der inakzeptablen Waffenstillstandsbedingungen wäre der richtige Moment dafür gewesen.

          Trotz dieser Quellenlage werden die Legende vom beabsichtigten Opfergang der Kaiserlichen Marine und das Zerrbild des verantwortungslosen Offiziers, der Untergebene in den sicheren Tod schicken wollte, weiterhin gepflegt. Selbst in offiziellen Darstellungen wie der, die von der Marine im Sommer anlässlich ihres Parlamentarischen Abends in Berlin verteilt wurde: „Fehler bei der Behandlung der eigenen Mannschaften sowie der Wille, durch eine sinnlose Schlacht die Ehre der Offiziere zu retten, lösten Ende 1918 eine Revolution aus.“ Unzutreffend, wie der britische Historiker Leonidas E. Hill bereits 1988 resümierte: Das Motiv einer Ehrenrettung der Marine werde generell „zu stark betont“. Und sein deutscher Kollege Gerhard Groß attestierte 1999 den Planungen der Seekriegsleitung strategische Rationalität, die Behauptung einer geplanten Todesfahrt sei fernliegend.

          Der romantischen Verklärung der Meuterer können, wie bei der „Bounty“, historische Fakten offenbar nicht beikommen. Die Tatsache, dass Deutschland mit dem Scheitern von „Operation19“ die letzte Chance genommen wurde, militärisch einen akzeptablen Verhandlungsfrieden zu erreichen, vermag das nicht zu tangieren.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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