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Frankfurter Zeitung 29.06.1918 : Die Revolte der Schwarzmeerflotte

  • Aktualisiert am

Offiziere auf dem russischen Schiff „Imperatriza Marija“, inspizieren Auswirkungen eines Beschusses. Bild: Picture-Alliance

Erst treue russische Marine-Soldaten, nun Piraten? Nach dem Friedensschluss von Brest-Litowsk fahren russische Kriegsschiffe unter neuen Fahnen weiter.

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          Berlin, 28. Juni. (W. B.) Der in Litauisch-Brest zwischen Rußland und den Verbündeten abgeschlossene Friedensvertrag sieht im Artikel V vor, daß die russischen Kriegsschiffe entweder in russische Häfen gebracht und dort bis zum allgemeinen Friedensschluß bleiben, oder, falls sie russische Häfen nicht erreichen können, in fremden Häfen entwaffnet und unbeweglich gemacht werden müßten. Einzelne Teile der Schwarzmeerflotte setzten sich über diese Bestimmung hinweg, und kreuzten auch nach dem Friedensschluß weiter im Schwarzen Meer und Asowschen Meer.

          Nach und nach nahmen sie sogar eine feindselige Haltung gegen die verbündeten Streitkräfte an und zwangen dadurch diese mehrfach zu bewaffnetem Einschreiten. Im Verlaufe des Frühjahrs wurde es immer klarer, daß der Einfluß der Moskauer Regierung auf einzelne Teile der Schwarzmeerflotte gleich Null war und daß diese Flottenteile vielmehr selbstständig den Krieg fortsetzende Freischaren auf dem Wasser darstellten, die man auch mit dem Ausdruck „Piraten“ bezeichnen kann. Erst mit der Besetzung der Halbinsel Krim und des Kriegshafens Sebastopol wurde Ende April der größte Teil der ehemaligen russischen Schwarzmeerflotte an weiteren Verstößen gegen den Brester Frieden verhindert.

          Die wichtigsten und neuesten Einheiten der ehemaligen russischen Schwarzmeerflotte hatten sich jedoch entgegen der in Brest vereinbarten Regel nach Noworossisk begeben und verweigerten die Rückkehr nach ihrem Ausgangshafen. Für die verworrenen Verhältnisse an Bord dieser Schiffe ist es bezeichnend, daß sie in wenigen Tagen mehrfach die Staatsangehörigkeit wechselten und nacheinander die rote Bolschewistenflagge, dann die rot-goldene Flagge der neugegründeten russischen Republik, dann die blau-gelbe Flagge der neugegründeten russischen Republik, dann die blau-gelbe Flagge der ukrainischen Republik und neuerdings wieder die weiß-blaue Andreasflagge des russischen Kaiserreiches setzten. Neben den Besatzungen bevölkerten auch Frauen, Kinder und Zivilisten diese Kriegsschiffe.

          Nach den Erzählungen russische Seeoffiziere und Matrosen, die sich diesen unklaren Verhältnissen durch Abreise entzogen, müssen unter den Besatzungen dieser Schiffe weitgehende Meinungsverschiedenheiten geherrscht haben. Im Verlaufe dieser Streitigkeiten ist Mitte Juni das Großkampfschiff „Swobodnaja Rossija“ (früher „Jekatarina II.“) durch einen Torpedoschuß des russischen Torpedobootszerstörers „Kerisch“ versenkt worden. Auch einige Torpedobootszerstörer fielen diesem Kampfe zum Opfer und sind nach Angaben der erwähnten Offiziere an der Ostküste des Schwarzen Meeres versenkt oder auf Strand gesetzt worden. Das Großkampfschiff „Wolja“ (früher „Imperator Alexander III“ genannt) sowie mehrere moderne Torpedobootszerstörer kehrten am 19. Juni nach Sebastopol zurück, wo sich nunmehr die gesamte für die Kriegszwecke noch brauchbare ehemalige russische Schwarzmeerflotte unter deutscher Kontrolle befindet. 

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 2. Juli 2018.

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