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Der Kreml und die Revolution : Ewiges Russland

Mit der Einnahme des Winterpalais in St. Petersburg am 7. November 1917 sicherten sich die Bolschewiken die Macht in Russland. Bild: dpa

Moskau vermeidet eine Festlegung zur Oktoberrevolution, bedient sich ihrer aber. Einerseits wird sie beschworen, andererseits ist dem Kreml jeder Umsturz ein Greuel.

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          Mit der „Oktoberrevolution“ und ihren Erben kennt sich der russische Journalist Michail Sygar aus. Der Autor eines Buches über Präsident Putins Machtsystem („Endspiel“) führt ein Online-Projekt mit Stimmen von Zeitzeugen von 1917 und hat jetzt auch ein Buch dazu veröffentlicht: „Das Imperium muss sterben“. Er höre oft, dass das Jubiläum in Russland nicht bemerkt werde, schrieb Sygar nun auf Facebook. Doch habe er im Föderationsrat, dem Oberhaus, eine Ausstellung mit Bildern entdeckt, die Schüler dazu gemalt hätten. Die Schülerarbeiten wirken, als wäre die Sowjetunion nie untergegangen. „Der große Oktober ist 100 Jahre alt!“ steht auf einem Bild mit den Konterfeis Lenins und Stalins, einer Weltraumrakete, Soldaten im Kampf und weiteren Attributen robusten Stolzes. Auf einem anderen Bild zieht ein Flugzeug ein rotes Banner, das Arbeiter bejubeln: „1917 – Ruhm der großen Revolution! – 2017“. Auf einem dritten springt ein Pferd mit wehender Mähne über den Erdball und verheißt die „Weltrevolution“. So geht es weiter, und Sygar bemerkt: „Wenn es jemand nicht verstanden hat: Das haben russische Schüler im Jahr 2017 gemalt.“

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Zwar hätten es kritische Beiträge womöglich nicht in die Schau geschafft. Schließlich werden Versuche der Organisation Memorial, Russlands Schüler dem hurrapatriotischen Kreml-Zeitgeist zum Trotz in einem Aufsatzwettbewerb zu einem differenzierten Blick auf die eigene, opferreiche Geschichte zu ermuntern, vom Staatsfernsehen diffamiert und von Schlägern bedroht. Wenn Schüler alte Parolen und Propaganda reproduzieren, folgen sie damit dem Beispiel der Machthaber, die das Gedenken an die katastrophalen Folgen der Machtergreifung der Bolschewiken vor hundert Jahren in der Pflicht zur nationalen Größe untergehen lassen. Die Träume vom Arbeiterparadies von einst sind ausgeträumt. Doch das sowjetische Erbe ist quicklebendig.

          Es zieht sich bis in die Sprache. So haben etwa in der Hoch-Zeit des Ukraine-Kriegs Politik und Staatsmedien die Verteidigung der „russischen Welt“ gegen „faschistische Eroberer“ in Worten beschworen, die den Angriff des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion wiederaufleben ließen. Auch im Feiern wird an alte Formen angeknüpft. So zog 2014 nach der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim die Parade zum 1. Mai erstmals wieder über den Roten Platz. Unter der alten Parole „Frieden, Arbeit, Mai“ ging es vorbei am Mausoleum, in dem die Hülle Lenins weiter ruht. Nach der jüngsten „Majdan“-Revolution in Kiew schreckten Bilder gestürzter, bemalter, bemäntelter Lenin-Denkmäler Moskaus Mächtige wie das Gespenst der Lustration, der Reinigung eines postsowjetischen Staatsapparats von alten Kadern. Denn zum einen zählen Putin und ein Gutteil seines Personals selbst dazu, und der Geheimdienst, dem sie entstammen, versteht sich als Erbe der von Lenin ins Leben gerufenen „Tscheka“, und das bis heute, weshalb der FSB im Dezember seine Hundertjahrfeier begeht.

          Zum anderen knüpfen die Machthaber an Methoden ihrer Ahnen an: Gefügige Medien berichten, was und wie es dem Kreml passt, und Richter und Ermittler haben ihr Handeln und Unterlassen politischen Imperativen unterzuordnen. Wahlen bleiben als Mittel der Rückkoppelung entwertet, und Putins „Machtvertikale“ verhindert echte Debatten, so dass auch die alte, paranoide Züge aufweisende Angst der Mächtigen vor der Bevölkerung in der Kontinuität der Sowjetzeit steht. Das speist die Urangst der Mächtigen vor Revolution, die ein weiterer Grund dafür ist, dass man sich mit dem Gedenken an „1917“ schwertut.

          Zugleich wird diese Angst vor Chaos und Wirren aber auch beschworen, um jegliche Opposition zu diskreditieren und Putin als Stabilitätsanker zu inszenieren. In dieser Logik sind Umsturzappelle, wie die des in Frankreich exilierten Politikers Wjatscheslaw Malzew, nach dessen Protestaufruf am Sonntag allein in Moskau mehr als 300 Personen festgenommen wurden, nur zu begrüßen. Besonders die Furcht vor aus dem Westen gesteuerten „Farbenrevolutionen“ prägt Moskaus Mächtige – was sich nicht mit der Rolle der Bolschewiken und Lenins verträgt, der als „Farbrevolutionär“ bezeichnet werden könnte.

          Die Kommunisten feiern weiter die „Oktoberrevolution“ als Aufbruch in eine bessere Welt, die Russische Orthodoxe Kirche lehnt die gottlose Revolte ab, unter deren Millionen Opfern auch viele Priester waren. Die Machthaber indes versuchen sich an Synthesen wie der, dass die beiden Seiten im Bürgerkrieg, die „Weißen“ und „Roten“, heutzutage „auf einer Seite der Barrikade“ kämpfen würden. Nötiger Bezug ist ein feindliches Ausland, schließlich versteht man sich wie die Sowjetunion als Friedensmacht. Die Synthese umfasst, dass zugleich der letzte Zar und die Leute verehrt werden, die Nikolaj II. und dessen Familie 1918 erschossen. Gemeinsamer Nenner des Unvereinbaren soll die Größe des „ewigen Russlands“ sein.

          Auch Putin selbst vermeidet Festlegungen. Jüngst sprach der Präsident von „mehrdeutigen Ergebnissen“ der „Oktoberrevolution“: Einerseits „Zerstörung von Staatlichkeit“ und „Millionen menschlicher Schicksale“, andererseits ein „gewaltiger Impuls“, von dem vor allem der Westen profitiert habe, wo als Antwort auf die Herausforderung der soziale Fortschritt forciert worden sei. Bei solchen Gelegenheiten unterlässt es Putin nicht zu klagen, dass der Systemkonflikt vorbei sei, was der Westen zu Lasten Russlands nicht verstehen wolle. Tatsächlich hat der Kapitalismus längst auch in Russland Einzug gehalten, aber mit der Priorität für den Staat und mit Korruption, Kleptokratie und Clanwirtschaft. Eine Ironie ist, dass sich Russland nicht wie vor hundert Jahren als Land strahlender Zukunft, sondern als Hort des Traditionalismus inszeniert. Doch die eigentliche Trennlinie besteht in der Frage nach dem Wesen der Macht, die nach Moskauer Lesart schranken- und straflos bleiben muss, bis hin zum Giftgaseinsatz gegen das eigene Volk wie beim syrischen Verbündeten. Diese Logik erklärt, warum zwar an die Millionen Opfer des Roten Terrors erinnert werden darf, seit kurzem gar mit einem neuen Denkmal in Moskau, aber die Frage nach den Namen und der Verantwortung der Mörder im Staatsauftrag nicht gestellt wird.

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