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Der Kreml und die Revolution : Ewiges Russland

Zum anderen knüpfen die Machthaber an Methoden ihrer Ahnen an: Gefügige Medien berichten, was und wie es dem Kreml passt, und Richter und Ermittler haben ihr Handeln und Unterlassen politischen Imperativen unterzuordnen. Wahlen bleiben als Mittel der Rückkoppelung entwertet, und Putins „Machtvertikale“ verhindert echte Debatten, so dass auch die alte, paranoide Züge aufweisende Angst der Mächtigen vor der Bevölkerung in der Kontinuität der Sowjetzeit steht. Das speist die Urangst der Mächtigen vor Revolution, die ein weiterer Grund dafür ist, dass man sich mit dem Gedenken an „1917“ schwertut.

Zugleich wird diese Angst vor Chaos und Wirren aber auch beschworen, um jegliche Opposition zu diskreditieren und Putin als Stabilitätsanker zu inszenieren. In dieser Logik sind Umsturzappelle, wie die des in Frankreich exilierten Politikers Wjatscheslaw Malzew, nach dessen Protestaufruf am Sonntag allein in Moskau mehr als 300 Personen festgenommen wurden, nur zu begrüßen. Besonders die Furcht vor aus dem Westen gesteuerten „Farbenrevolutionen“ prägt Moskaus Mächtige – was sich nicht mit der Rolle der Bolschewiken und Lenins verträgt, der als „Farbrevolutionär“ bezeichnet werden könnte.

Die Kommunisten feiern weiter die „Oktoberrevolution“ als Aufbruch in eine bessere Welt, die Russische Orthodoxe Kirche lehnt die gottlose Revolte ab, unter deren Millionen Opfern auch viele Priester waren. Die Machthaber indes versuchen sich an Synthesen wie der, dass die beiden Seiten im Bürgerkrieg, die „Weißen“ und „Roten“, heutzutage „auf einer Seite der Barrikade“ kämpfen würden. Nötiger Bezug ist ein feindliches Ausland, schließlich versteht man sich wie die Sowjetunion als Friedensmacht. Die Synthese umfasst, dass zugleich der letzte Zar und die Leute verehrt werden, die Nikolaj II. und dessen Familie 1918 erschossen. Gemeinsamer Nenner des Unvereinbaren soll die Größe des „ewigen Russlands“ sein.

Auch Putin selbst vermeidet Festlegungen. Jüngst sprach der Präsident von „mehrdeutigen Ergebnissen“ der „Oktoberrevolution“: Einerseits „Zerstörung von Staatlichkeit“ und „Millionen menschlicher Schicksale“, andererseits ein „gewaltiger Impuls“, von dem vor allem der Westen profitiert habe, wo als Antwort auf die Herausforderung der soziale Fortschritt forciert worden sei. Bei solchen Gelegenheiten unterlässt es Putin nicht zu klagen, dass der Systemkonflikt vorbei sei, was der Westen zu Lasten Russlands nicht verstehen wolle. Tatsächlich hat der Kapitalismus längst auch in Russland Einzug gehalten, aber mit der Priorität für den Staat und mit Korruption, Kleptokratie und Clanwirtschaft. Eine Ironie ist, dass sich Russland nicht wie vor hundert Jahren als Land strahlender Zukunft, sondern als Hort des Traditionalismus inszeniert. Doch die eigentliche Trennlinie besteht in der Frage nach dem Wesen der Macht, die nach Moskauer Lesart schranken- und straflos bleiben muss, bis hin zum Giftgaseinsatz gegen das eigene Volk wie beim syrischen Verbündeten. Diese Logik erklärt, warum zwar an die Millionen Opfer des Roten Terrors erinnert werden darf, seit kurzem gar mit einem neuen Denkmal in Moskau, aber die Frage nach den Namen und der Verantwortung der Mörder im Staatsauftrag nicht gestellt wird.

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