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100 Jahre Frauenwahlrecht : „Rechte statt Wohlfahrt“

Am 19.1.1919 stehen Frauen vor einem Wahllokal Schlange. Zum ersten Mal können sie wählen. Bild: dpa

Am 12. November 1918 verkündete der Rat der Volksbeauftragten das Wahlrecht für Frauen. Dem voraus ging eine Bewegung, deren Mitglieder sich untereinander nicht immer einig waren.

          Der Deutsche Bund gegen die Frauenemanzipation war überzeugt, im dringendsten Interesse des Volkes zu handeln. In einem Aufruf zur „Erhaltung deutscher Frauenart und zum Kampfe gegen das Frauenstimmrecht“ aus dem Jahr 1914 heißt es, das Frauenstimmrecht bedeute für jedes Volk ein „nationales Unglück“. Der Einfluss von Frauen könne „dem ganzen Staatsleben ein weibisches, kraftloses Gepräge“ geben. In seiner Osterbotschaft von 1917 stellte Kaiser Wilhelm II. zwar eine Wahlrechtsreform nach Kriegsende in Aussicht, erwähnte die Forderung nach einem Frauenwahlrecht aber mit keinem Wort. In demselben Jahr erklärte der Verfassungsausschuss, dass die Frau „nicht in die Öffentlichkeit“ gehöre. „Hausfrauen und Mütter dürfen und können der politischen Betätigung nicht nachgehen, ohne ihre Familienpflichten zu verletzen.“ Ob und – wenn ja – wann der Kaiser seine Meinung geändert hätte, wird man nie erfahren. Er hatte als amtierender Herrscher keine Gelegenheit mehr, sich dazu zu äußern.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Es war vielmehr die Übergangsregierung, Rat der Volksbeauftragten genannt, die mitten in den turbulenten Tagen nach der Ausrufung der Republik am 12. November 1918 verkündete: „Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht aufgrund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen.“ Knapp 50 Jahre zuvor hatte die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm für die rechtlose Lage der Frauen schon deutliche Worte gefunden. „Die Frauen haben Steuern zu zahlen wie die Männer, sie sind verantwortlich für Gesetze, an deren Berathung sie keinen Antheil gehabt; sie sind also Gesetzen unterworfen, die Andere gemacht“, so wird Dohm im Jahre 1872 zitiert. „Das nennt man in allen Sprachen der Welt Thyrannei, einfache, absolute Thyrannei. Sie mag noch so milde gehandhabt werden, es bleibt Thyrannei. Die Frau besitzt wie ein Sklave alles, was man ihr aus Güte bewilligt.“

          Frauen war es damals noch untersagt, sich politisch zu betätigen. Trotzdem entstanden schon in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts Frauenverbände, die sich dafür einsetzten, Bildungsmöglichkeiten für Frauen zu verbessern und die Frauenerwerbstätigkeit zu befördern. 1888 gründete die Pädagogin Minna Cauer den Verein „Frauenwohl“, die erste Gruppierung, die sich für das Frauenstimmrecht einsetzte. „Politische Rechte statt Wohlfahrt“, lautete die Losung. 1895 gründete Cauer die Zeitung „Die Frauenbewegung“, 1896 organisierte sie eine „Internationale Frauenkonferenz“ in Berlin. 1902 verbesserten sich die rechtlichen Rahmenbedingungen für das politische Engagement: Das Verbot für Frauen, an politischen Versammlungen teilzunehmen, wurde aufgehoben, allerdings durften sie sich nur in einem sogenannten Segment aufhalten, einem mit einer Kordel abgetrennten Bereich. 1908 durften Frauen Mitglied in Vereinen und Parteien werden, was der Stimmrechtsbewegung einen Schub gab.

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          Allerdings kam es schon bald zu Auseinandersetzungen: Im bürgerlichen Teil der Bewegung plädierten Frauen dafür, das Dreiklassenwahlrecht beizubehalten. Suffragetten aus dem proletarischen Lager hatten radikalere Vorstellungen, bestanden auf der Einführung von geheimer und gleicher Wahl für alle Männer und Frauen. Im Nu waren drei Verbände entstanden, die untereinander zerstritten waren. Minna Cauer kommentierte die Entwicklung 1914 mit den Worten: „Es ist nunmehr genügend Auswahl vorhanden, so daß jeder sein Feld sich aussuchen kann; das konservative, das gemäßigte und das demokratische. Rechnen müssen die Frauen also jetzt mit diesen drei Richtungen der bürgerlichen Frauenstimmrechtsbewegung in Deutschland.“

          Die Sozialdemokraten hatten bereits 1891 auf dem Erfurter Parteitag das Frauenwahlrecht in ihr Programm aufgenommen. Die Frauenfrage hatte August Bebel zum Thema gemacht. Sein Werk „Die Frau und der Sozialismus“ von 1879 bewertete die Rolle der Frau in der Arbeiterschaft neu, 1909 war bereits die 50. Auflage des Buches erschienen. Doch immer wieder kam die Frage auf, ob es sich lohne, für eine Gleichberechtigung der Geschlechter in der bürgerlichen Gesellschaft zu kämpfen. Wichtiger als die Geschlechterfrage war für die Sozialdemokraten nämlich die Klassenfrage. Das sahen auch die sozialdemokratischen Frauen so. „Wir haben nicht spezielle Frauenagitation, sondern sozialistische Agitation unter Frauen zu betreiben“, wird die Frauenrechtlerin Clara Zetkin 1896 zitiert, die bis 1917 in der SPD aktiv war, sich dann der USPD und später der KPD anschloss. „Nicht die kleinlichen Augenblicksinteressen der Frauenwelt dürfen wir in den Vordergrund stellen, unsere Aufgabe muss sein, die moderne Proletarierin in den Klassenkampf einzureihen.“

          Derweil führte Neuseeland 1893 als erstes Land der Welt das Frauenwahlrecht ein, 1904 folgte Australien. In demselben Jahr gründeten Frauen aus zwölf Ländern den „Weltbund für Frauenstimmrecht“. 1906 machte Finnland, damals autonomes Großfürstentum innerhalb des Russischen Reiches, diesen Schritt, das erste europäische Land. Norwegen folgte 1913, Dänemark und Island 1915.

          Durch diese Entwicklungen befeuert wurde die Stimmrechtsbewegung in Deutschland immer stärker. Am Tag der Reichstagswahlen im Herbst 1912 protestierten Hunderte Frauen in zahlreichen deutschen Städten gegen ihren Ausschluss. Die öffentliche Aufmerksamkeit war groß, auch manche Männer unterstützten die Frauenrechtlerinnen nun offen. Im Januar 1916 lehnte der Reichstag die Forderung, nach Kriegsende ein Wahlrecht für Frauen einzuführen, nicht direkt ab, sondern unterrichtete den Reichskanzler davon. Der allerdings lehnte ab. Zwischen Dezember 1917 und November 1918 kam es in größeren Städten immer wieder zu gemeinsamen Kundgebungen zum Frauenwahlrecht. Ende Oktober 1918 schickten Frauenrechtlerinnen eine Eingabe an den Reichskanzler Prinz Max von Baden, in der sie um eine Unterredung nachsuchten. Am 4. November 1918 verabschiedeten alle namhaften Frauenrechtlerinnen eine gemeinsame Resolution, in der es heißt: „Die Versammlung erklärt die politische Rechtlosigkeit der Frauen für unvereinbar mit einer demokratischen Regierung.“ Am 8. November proklamierte Kurt Eisner in München den „Freistaat Bayern“ und führte das Frauenwahlrecht ein. Vier Tage später verkündete der Rat der Volksbeauftragten das Frauenwahlrecht dann für die ganze neue Republik.

          82 Prozent der Frauen beteiligten sich am 19. Januar 1919 an der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung. Unter den 423 Abgeordneten waren nur 37 Frauen. Die Sozialdemokratin Marie Juchacz, die am 19. Februar als erste Frau das Wort ergriff, sagte: „Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist. Wir Frauen sind uns sehr bewusst, dass in zivilrechtlicher wie auch in wirtschaftlicher Beziehung die Frauen noch lange nicht in der Gleichberechtigung sind.“ Viel hat sich seitdem getan. Doch auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte in ihrer Botschaft zum 100. Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts: „Es bleibt aber noch viel zu tun.“

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