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Frankfurter Zeitung 21.08.1918 : Krumme Geschäfte? Die Zigaretten-Preise explodieren

  • Aktualisiert am

Ein Soldat in Berlin als Zigarettenhändler, 1919. Bild: Picture-Alliance

Zigaretten sind Mangelware und die, die es noch zu kaufen gibt, sind heillos überteuert. Geht das alles mit rechten Dingen zu?

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          In einer im Zweiten Morgenblatt vom 14. August veröffentlichten Zuschrift über die Verhältnisse und die Preisgestaltung im Zigarettenhandel war darüber Anklage geführt worden, daß seit einiger Zeit die billigen Zigaretten in der Preislage von 5 bis 10 Pfennigen so gut wie völlig aus dem Handel verschwunden seien. Der Einsender hatte aus der Tatsache, daß die größeren Fabriken noch immer beträchtliche Mengen in dieser Preislage herstellen, gefolgert, daß mit diesen Sorten im Kleinhandel Wucher getrieben werde. Daß diese Vermutung nicht ganz unbegründet ist, beweißt ein in Nr. 65/66 der „Vereinigten Tageszeitungen“ dem offiziellen Organ der führenden Interessentenverbände veröffentlichter Artikel, in dem es wörtlich heißt:

          „Tatsächlich kann man beobachten, daß in sehr vielen Zigarrengeschäften die vorgeschriebenen Kleinverkaufspreise überschritten werden, charakteristischerweise vorwiegend in solchen Geschäften, die früher geschleudert haben. Unter den ehemaligen Schleuderern sind eben zu viel Elemente, die stets mit der Konjunktur Raubbau treiben. Haben sie früher bei Warenüberfluß geschleudert, so suchen sie jetzt bei Warenmangel die Preise so hoch wie möglich zu schrauben.“

          Es braucht wohl kaum ein Wort darüber verloren zu werden, daß der in der Zuschrift erhobene Vorwurf des Wuchers nicht gegen den reellen Handel gerichtet war. Aber es ist im Zigarren- und Zigarettenhandel, wie überall: es gibt auch hier unlautere Elemente in nicht geringer Zahl, denen der Krieg als die günstige Gelegenheit erscheint, rasch und mühelos große Gewinne einzuheimsen. Diesen Leuten das Handwerk zu legen hat der reelle Handel ein nicht geringeres Interesse als der Verbraucher, und deshalb wird gerade von diesem, wie uns in zahlreichen Zuschriften versichert wird, die Absicht der in der „Interessenvertretung deutscher Zigarettenfabrikanten“ zusammengeschlossenen Industrie, künftig – und zwar spätestens vom 1. Oktober ab – jeder Zigarette den Kleinverkaufspreis aufzudrucken, freudig begrüßt. Sache des kaufenden Publikums wird es dann sein, durch rücksichtlose Anzeige jeder Preisüberschreitung bei den heute überall bestehenden Preisprüfungsstellen den Kampf gegen dieses Freibäutertum zu unterstützen.

          Das auch in den soliden Geschäften heute die billigen Sorten nicht oder nur in ganz geringen Mengen erhältlich sind, hat seine Ursache darin, daß eine ganze Reihe von Fabriken  die Herstellung dieser Sorten entweder ganz eingestellt oder doch erheblich eingeschränkt hat, und daß die Heeresverwaltung die heute den weitaus größten Teil der gesamten Produktion für die Belieferung der kämpfenden Truppen in Anspruch nimmt, gerade auf die billigen Sorten ihre Hand legt.

          Die Belieferung des freien Handels in der Preislage von 5 und 6 Pfennigen ist daher, wie uns von dem „Verband zum Schutz der Deutschen Tabakindustrie“ mitgeteilt wird, gleich Null. In der 8 Pfennig Preislage erfolgt die Belieferung in einer Höhe von etwa 20 bis 25 Prozent der Gesamtmenge, die natürlich in keinem Verhältnis zu der starken Nachfrage steht. Die Händler können also noch nicht einmal den Bedarf ihrer Stammkundschaft damit befriedigen. Von einer Zurückhaltung oder unberechtigten Verteuerung dieser Sorten durch den reellen Handel, der überdies von den meisten Fabrikanten zur Innehaltung der vorgeschriebenen Verkaufspreise vertraglich verpflichtet ist, kann also keine Rede sein. 

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 24. August 2018.

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