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Ausbruch des Ersten Weltkriegs : Österreichs holpriges Gedenken

Seltsame Teilnahmslosigkeit: Bundespräsident Heinz Fischer Bild: picture alliance / ROBERT JAEGER

Österreich begegnet der Geschichte dieser Tage eher teilnahmslos. Der Kriegsbeginn jährt sich zum hundertsten Mal – doch das Land diskutiert lieber über den neuen Text der Bundeshymne.

          Der Bundespräsident der Republik Österreich residiert in der Hofburg. Die Säle im imperialen Stil und die hohen Türen geben schöne Bilder bei Staatsbesuchen ab. In die Vorhänge im Leopoldinischen Trakt, wo der Amtssitz Bundespräsident Heinz Fischers ist, ist das kaiserliche Wappen eingewebt, samt dem Wahlspruch Franz Josephs I.: „Viribus unitis“, mit vereinten Kräften. Dabei stammen die Vorhänge gar nicht mehr aus kaiserlicher Zeit; vor Jahren, als die alten Vorhänge weitgehend vermodert waren, wurden auf dem alten Webrahmen neue hergestellt.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Das Staatsoberhaupt, aber auch der Regierungschef und überhaupt die österreichische Hauptstadt einschließlich ihrer Beamtenschar bewegen sich im Rahmen, man könnte auch sagen: in den Kulissen, der alten österreichisch-ungarischen Monarchie. Doch auf den Tag, an dem vor hundert Jahren deren Thronfolger ermordet und der Funke an die Zündschnur gelegt wurde, die am Ende zur Explosion dieses Staatswesens führte, blicken die Österreicher und ihre politischen Repräsentanten mit seltsamer Teilnahmslosigkeit.

          Ein Staatsakt, zwei Themen: Österreichs Politiker gedenken Bertha von Suttners und des Erstens Weltkriegs

          Anteil an der Verantwortung

          Als Fischer kürzlich in einer außenpolitischen Grundsatzrede Österreichs Platz im Weltgeschehen verortete, holte er zunächst historisch aus. Er begann mit den „Gewitterwolken“, die sich zusammenzogen, bis die Ermordung Franz Ferdinands und seiner Gattin Sophie „wie ein Blitz“ gewirkt habe. Dann war er auch schon bei Krieg und Niederlage und den Schwierigkeiten der jungen Republik.

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          Vor zehn Tagen dann wurde ein Gedenk-Staatsakt begangen. Das Datum war verwunderlich; es erklärt sich durch die Kombination des Themas: „100. Todestag von Bertha von Suttner/100 Jahre Ausbruch Erster Weltkrieg“. So krampfhaft diese Abhandlung in einem Aufwasch war, so wenig Resonanz fand sie denn auch in den Medien.

          Stärker ist gewiss das Symbol, das an diesem Samstag gesetzt wird. Da geben die Wiener Philharmoniker in Sarajevo ein Konzert. Immerhin, daran nimmt auch Bundespräsident Fischer teil. Er verbindet das mit einem Arbeitsbesuch in Bosnien-Hercegovina. Anschließend ist ein Pressetermin der Staatsoberhäupter sowie des Bürgermeisters vorgesehen. Reden finden sich nicht im Programm.

          Beim Bertha-von-Suttner-Staatsakt sagte Fischer, die österreichisch-ungarische Monarchie habe ihren Anteil an der Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu tragen, aber auch „andere Faktoren, andere Personen und andere Länder“. Das beeinträchtige die Beziehungen zu den damaligen Kriegsgegnern nicht. „Aus österreichischer Sicht sind die Wunden aus dieser Zeit verheilt.“ Tatsächlich hat die österreichische Republik auch mit der einstigen Monarchie ihren Frieden gefunden. Darauf deuteten bereits die Ehrungen hin, als Kaiserin Zita (1989) und Erzherzog Otto (2011) verstarben. Bei den Trauerfeierlichkeiten gab es große Anteilnahme. Doch ist der frühere Unfrieden inzwischen einer weitgehenden Gleichgültigkeit gewichen.

          Distanzierung allerorten

          Distanz ist auch da zu erkennen, wo die Wissenschaft sich an die breite Öffentlichkeit wendet, also vor allem in Ausstellungen. Eine Schau im Weltmuseum zeigt die Früchte der Sammelleidenschaft Franz Ferdinands von einer Weltreise: Kuriositäten – auch Zeugnisse eines Charakterzuges, aber gewiss keine biographische Retrospektive. In der Nationalbibliothek sind ein paar Zeitungen und Dokumente zum Kriegsbeginn ausgestellt („An meine Völker“). Zu sehen ist auch eine umfassende Ausstellung zum Ersten Weltkrieg in all seinen politischen, militärischen, sozialen, sozialpsychologischen und ökonomischen Aspekten. Hier ersetzt die geographische Distanz die inhaltliche. Die Ausstellung ist anderthalb Autostunden von Wien entfernt zu sehen.

          Es gibt aber auch Themen der nationalen Selbstvergewisserung, um die leidenschaftlich gestritten wird. Beispielsweise die politisch korrekte Wiedergabe der Bundeshymne. In ihr wurde von der hohen Politik vor drei Jahren die Strophe „Heimat bist du großer Söhne“ umgedichtet in „Heimat großer Töchter und Söhne“. Das ist zwar ordentlich durchgegendert, metrisch aber holprig.

          Letztes Wochenende hat nun ein populärer Sänger es gewagt, anlässlich eines Autorennens die Hymne in der alten Fassung zu singen. Daraufhin lasen ihm aktive wie ehemalige Ministerinnen öffentlich die Leviten, mal mit analen Beschimpfungen, mal mit schulmeisterlichen Belehrungen. Die Zeitungen sind voll davon. Einige haben zur Sicherheit den korrekten Wortlaut der Hymne abgedruckt: „Land der Berge, Land am Strome, Land der Äcker, Land der Dome, Land der Hämmer, zukunftsreich Heimat großer Töchter und Söhne, Volk begnadet für das Schöne, Vielgerühmtes Österreich.“

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