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Lehren aus dem Ersten Weltkrieg : Radikale Fehleinschätzungen

Politiker schätzen die Lage falsch ein und Menschen sterben: 17 Millionen Menschen starben im Ersten Weltkrieg Bild: dpa

Der Erste Weltkrieg wurde maßgeblich von Menschen begonnen, die von völlig falschen Annahmen ausgingen. Solche Staatsmänner gibt es auch heute noch, hundert Jahre später.

          Als der Krieg begann, kannten Optimismus und Siegeszuversicht keine Grenzen - Nationalismus, Ignoranz und Realitätsblindheit allerdings auch nicht. Im August 1914 rief der siegesgewisse Kaiser Wilhelm in Berlin den ausrückenden deutschen Soldaten zu, noch bevor die Blätter von den Bäumen gefallen seien, würden sie wieder in der Heimat sein. Noch bevor es Herbst wurde, war allerdings auf den Schlachtfeldern eine Million Soldaten gefallen; bis zum Kriegsende mehr als vier Jahre später sollten noch rund 15 Millionen Soldaten und Zivilisten aus allen am Krieg teilnehmenden Ländern das Leben verlieren. Welcher grotesken Fehleinschätzung war der Kaiser erlegen!

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Aber nicht nur er. Auch die Entscheidungsträger in Wien und Paris, in St. Petersburg und London, in Rom und Belgrad gingen von Annahmen über Verlauf und Dauer, Kosten und Konsequenzen des Krieges aus, die sich allesamt als falsch herausstellten. Die europäische Politik sollte noch für viele Jahrzehnte von diesem kollektiven Versagen geprägt werden. Wegen der unmittelbaren Folgen und der Reaktionen auf diese Folgen dauerte der Große Krieg, wie dieser Krieg in Frankreich und in Großbritannien auch genannt wird, viel, viel länger. Wirklich überwunden wurde er erst ein dreiviertel Jahrhundert später.

          Hätten die europäischen Staatenlenker und Monarchen anders gehandelt, wenn sie das Ausmaß der Katastrophe wenigstens geahnt hätten, in die sie nach Christopher Clark wie Schlafwandler hineinstolperten und die sie, in unterschiedlicher Form, alle zu Verlierern machte? Nicht ein Einziger, glaubt etwa der renommierte Politikwissenschaftler Graham Allison, hätte noch einmal so entscheiden wie im Sommer 1914, hätte er später noch einmal eine Gelegenheit dazu gehabt.

          Aber diese Geschichte ließ sich nicht zurückdrehen und deshalb auch nicht wiedergutmachen; ihre unmittelbaren Folgen in und für Europa waren dramatisch: Kaiser Wilhelm II. musste abdanken, Deutschland verlor große Gebiete; der russische Zar wurde gestürzt, die Sowjetunion wurde geboren; die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie löste sich auf (die Nationalitätenkonflikte aber verschärften sich); Frankreich war traumatisiert von dem nie und nimmer erwarteten Blutzoll; das Vereinigte Königreich klagte über den Verlust einer ganzen Generation. Die Mischung aus Machtanspruch, Ignoranz, Risikobereitschaft, überzogene Zuversicht und Verblendung habe sich derart verheerend auf die Kriegführung ausgewirkt, dass Historiker eine neue Kategorie hätten erfinden müssen, schreibt Allison: Weltkrieg!

          Lokale Ereignisse können dramatische Weiterungen haben

          Was also sind die Lehren, die aus einem Krieg gezogen werden können, der oft als „unvermeidlich“ beurteilt wurde in dem Sinne, dass es wegen des machtpolitischen Aufstiegs Deutschlands früher oder später zum Krieg mit Großbritannien gekommen wäre? Selbst auf die Gefahr, banal zu klingen, gibt es zum Beispiel diese Lehre: Lokale Ereignisse, über Bündnisbeziehungen verstärkt, können dramatische internationale Weiterungen haben und zum Großbrand werden; oder eben die, dass die Entscheidungsträger, die Politiker, Lage und Aussichten grundlegend falsch beurteilen können, vor allem dann, wenn sie voller Hybris sind; oder die, dass - wie wir heute sagen würden - die globalisierte, vernetzte und hochintegrierte Welt keine hundertprozentige Gewähr gegen einen militärischen Konflikt bietet, wenn die Kosten dafür für akzeptabel gehalten werden. Für alle diese Einsichten lassen sich aktuelle Beispiel finden: in Nordafrika und im Nahen Osten, in Ostasien und neuerdings in Osteuropa.

          In Ostasien etwa sind die Staaten wirtschaftlich stark integriert; der Austausch ist eng und dicht. Doch das macht sie nicht wirklich immun für militärische Explosionen, zu denen es im Zusammenwirken von geopolitischen Konflikten mit nationalistischen Aufwallungen und geschichtspolitischen Provokationen kommen kann. In Ostasien lassen sich einige beunruhigende Parallelen zu den Konstellationen in Europa vor hundert Jahren feststellen, die in die Forderung nach Mäßigung und friedlichem Interessenausgleich münden müssen. Was aber, wenn der Wille dazu immer schwächer wird?

          Auch 13 Jahre nach 9/11 immer noch in Afghanistan: Die amerikanische Armee

          Auch westliche Demokratien haben in der jüngeren Vergangenheit Kriege geführt, wenn auch nicht gegeneinander und nicht aus Übermut. Aber auch sie gingen dabei von Annahmen aus, die sich später als falsch oder als zumindest unvollständig herausgestellt hatten. Das betrifft in erster Linie die Dauer und die Folgen. Wer hätte in Washington im Herbst 2001 im Ernst gedacht, dass dreizehn Jahre nach „9/11“ noch immer amerikanische Soldaten am Hindukusch stehen würden? Auch sind die Erwartungen hinsichtlich der positiven Folgen von Militärinterventionen oft zu optimistisch gewesen - siehe Irak oder Libyen! Es gibt Feuer, die auch nach vielen Jahren noch lodern. So wie vor hundert Jahren.

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