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Frankfurter Zeitung 28.02.1919 : Streik und Tanzwut

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Ein tanzendes Paar um 1923. Bild: Picture-Alliance

Der Ernst der Lage wird wohl nicht überall gleich eingeschätzt: Auf die Eisenbahn-Streiks und Spartakisten reagiert die gehobene Berliner Gesellschaft mit Tanzpartys.

          N Berlin, 27. Febr. (Priv.-Tel.) Die Streiks in Thüringen, der Provinz Sachsen und in Leipzig, die an den Haupteisenbanhpunkten zur Einstellung des Eisenbahnverkehrs geführt haben, bedrohen, wie auch von amtlicher Seite hervorgehoben wird, allmählich wichtige Zufuhrstraßen Berlins und stellen namentlich auch die Kohlenversorgungsfrage Berlin in Frage. Berlin ist aber, über Dresden, mit einigen Umwegen auch nach Süddeutschland, vor allem aber nach Osten, Norden und Nordwesten mit der übrigen Welt verbunden. Von der Ausdehnung und Dauer der die Eisenbahn weit wichtige Lebensinteressen der Hauptstadt bedroht sind. Die Stadt der Nationalversammlung, das zentral gelegene Weimar, ist vom Verkehr so gut wie abgeschnitten, und es kommt in Blättern verschiedener Richtungen jetzt der Gedanke zum Ausdruck, daß es ein von einem großen Teil der öffentlichen Meinung und manchen Parteien auch sofort erkannter Fehler war, die Nationalversammlung nicht in der Reichshauptstadt, sondern in einer kleinen Stadt Mitteldeutschlands tagen zu lassen, die, wie sich von Anfang an herausgestellt hat, von extremen Elementen im nahen Umkreis bedroht war und die, wenn die spartakistische Bewegung ernster werden sollte, schwerer zu schützen ist, als die Reichshaupstadt.

          Der Ernst der Lage ist für verständige Menschen nicht zu verkennen und kein Optimist kann darüber hinwegtäuschen, daß diese Lage sich immer mehr zuspitzt. Es ist natürlich auch kein Zufall, daß Blätter verschiedener Richtungen in herben Worten den Leichtsinn und die Ahnungslosigkeit beklagen oder auch die Frivolität, mit der große Kreise der Bevölkerung sich über die drohenden wirtschaftlichen und politischen Zeichen hinwegsetzen und sich das Kriegswucheramt, das über den Verbrauch von Licht und Kraft wacht, zu ernsten Mahnungen und Verboten veranlaßt hat.

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          Der Taumel der Lust als Zeichen des sittlichen Zerfalls in Zeiten höchster Volksnot ist eine geschichtlich bekannte und psychologisch erklärte Tatsache. Es hieße einseitig urteilen, wenn man glauben wollte, daß diese Vergnügungs- und Tanzwut sich nur in öffentlichen Lokalen geltend mache.

          Seit dem Winter vorigen Jahres hat ein Teil der Berliner Gesellschaft, die man die gute nennt, die Geburts- und Finanzaristokratie wieder angefangen, große Tanzgesellschaften zu geben und auch in diesen Monaten ist in bekannten Häusern derselben Art flott getanzt worden, auch von Persönlichkeiten, denen ihrer amtlichen und politischen Vergangenheit nach die Zeichen der Zeit kein Rätsel sein können. Man hört zur Begründung oder Beschönigung dieser mit der Not des Vaterlandes unverträglichen Vergnügungssucht zuweilen, daß es doch zu grausam, zu hart und zu bedauerlich wäre, wenn man mehrere Jahrgänge junge Mädchen ohne das Vergnügen des Tanzes weiter aufwachsen lasse. Wenigstens ist diese würdelose Vergnügungssucht auf dem Gipfel vaterländischer Not, wie viele Zuschriften und Berichte zeigen, keine Eigenheit der Hauptstadt, sie macht sich überall geltend.

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