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Frankfurter Zeitung 16.06.1918 : Aufstand der Tschecho-Slowaken

  • Aktualisiert am

Der 28. September 1918 auf dem Wenzel-Platz in Prag: Die Tschechoslowakei erklärt ihre Unabhängigkeit von Österreich-Ungarn. Bild: Picture-Alliance

Tschechisch-Slowakische Truppen stranden in Russland. Es kommt zum Aufstand gegen die Sowjets, sogar eine Stadt wird besetzt. Trotzkij spricht eine Warnung aus.

          N Berlin, 15. Juni. (Priv.-Tel.) Das Berliner Bureau der Petersburger Telegraphenagentur schreibt folgendes als „amtliche Meldung“ über den Aufstand der Tschecho-Slowaken:

          Technische Schwierigkeiten auf den Eisenbahnen und das Auftauchen Semenowscher Banden in Ost-Sibirien verursachten eine Einstellung des Transportes der tschechisch-slowakischen Truppen nach Wladiwostok. Diesen Umstand benutzten die gegenrevolutionären Elemente, die die tschecho-slowakischen Abteilungen zum Aufstande gegen die Sowjets aufreizten. Der erste Aufstand fand am 26. Mai in Tescheljabinsk statt. Hier organisierten die Tschecho-Slowaken einen Kongreß und bestimmten, ohne Gewalt nach Osten sich weiter zu bewegen. Gleichzeitig mit diesem Beschluß bewegten sich aber einige Abteilungen westwärts, nach Jekaterinburg, wobei die Station Organy mit Waffengewalt genommen wurde.

          Von uns wurde ein Telegramm aufgegriffen, daß die Tschecho-Slowaken sich nach Westen bewegen. Am 28. Mai  begann eine starke Bewegung auf der Linie Rtischtschewo-Pensa. Um Pensa konzentrierten sich ungefähr 5000 Mann, die den Angriff auf die Stadt einleiteten, der zwei Tage anhielt und mit der Einnahme der Stadt endete. Die weitere Ausbreitung wurde von den Truppen der Sowjets aufgehalten und am 31. Mai war die Stadt Pensa wieder von den Tschecho-Slowaken gesäubert.

          Den ausländischen Tschecho-Slowaken schloßen sich verschiedene gegenrevolutionäre Gruppen an. Sie versuchten die Brücke über die Wolga bei Syfren zu besetzen, wurden aber abgewiesen. Augenblicklich wird der Aufstand in Sibirien und im Ural liquidiert; die Aufständischen ergeben sich allmählich. Um der Verbreitung falscher Nachrichten unter den Tschecho-Slowaken ein Ende zu machen, hat die Sowjetsmacht dem Vorsitzenden des Nationalrats, Prof. Max und dem Vertreter der französischen militärischen Mission gestattet, nach Pensa zu fahren um den Führern der Tschecho-Slowaken Aufklärung zu geben. Dem aus Tscheljabinsk eingetroffenen Führer der Tschecho-Slowaken wurde versichert, daß, wenn sie die Waffen strecken, man sie unbehindert nach Wladiwostok befördern werden.

          Am 4. Juni hat der Genosse Trotzkij folgenden Befehl an alle Abteilungen, die gegen die Tschecho-Slowaken kämpfen, erlassen: „Die Konzentration unserer Streitkräfte gegen die Tschecho-Slowaken ist beendet. Im Bewußtsein, daß diese Aufrührer direkte Verbündete der Gegenrevolutionäre und Agenten des Imperialismus sind, kämpfen die Truppen der Sowjets gegen sie. Von zwei Seiten angegriffen, werfen sich die Aufrührer auf der Eisenbahn hin und her. In ihrer Mitte ist eine offene Gärung bemerkbar. Die verständigsten Elemente unter ihnen versuchen Unterhandlungen anzuknüpfen. Ich habe den Kommandierenden der Fronten gestattet, Parlamentäre zu empfangen. Von ihnen muß bedingungslose Uebergabe aller Waffen gefordert werden. Gewaltsam Entwaffnete müssen in Konzentrationslagern interniert werden.

          Da die militärischen Operationen längs den Eisenbahnen den Transport von Lebensmitteln erschweren, befehle ich den Kommandierenden, mit aller Energie vorzugehen, um in kürzester Frist die Angelegenheit zu liquidieren.“

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 17. Juni 2018.

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