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Frankfurter Zeitung 15.03.1919 : Zeitungen in Existenznot: Deutschland geht das Papier aus

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Während der Spartakusaufstände verbarrikadieren sich Arbeiter und Soldaten in Berlin hinter Zeitungen. Bild: Picture-Alliance

Nach dem Ersten Weltkrieg wird Papier ein knappes Gut. Dabei ist das wertvolle Material essentiell für das Fortbestehen der Zeitungen - und von Arbeitsplätzen.

          In der vorigen Woche ist in der Nationalversammlung auch das Thema von der Papiernot der Zeitungen einmal flüchtig behandelt worden. Die Regierung ließ erklären, daß Mangel an Kohle, die Streiks und Transportschwierigkeiten den Uebelstand verschulden, daß man aber auf Besserung sinne. Mit dieser Auskunft müssen sich die Zeitungen zufrieden geben, eine baldige Abhilfe scheint nicht in Aussicht zu stehen. Die Papiernot ist seit Langem für die Zeitungen und die ihr nahestehenden Gewerbe eine schwere Kalamität. Ihre Verewigung behindert die Presse an der Erfüllung ihrer Aufgaben und deshalb scheint eine Flucht in die Oeffentlichkeit geboten. Die Leserschaft ist allzu geneigt, auf ihre Zeitung zu schimpfen, wenn sie sich nicht als erschöpfende Chronik des Tages gibt und außerdem den Abonnenten unterhält, belehrt und erbaut.

          Vielen Lesern bringt die Zeitung genug und übergenug. Ihr Augen laufen über das Meer von Trostlosigkeit, das sie ausbreitet und sie sind der Papiernot dankbar, daß die Berichte nicht endlos sind, sie freuen sich, daß sie nicht noch mehr zu lesen brauchen. Was die Zeitung nicht bringt, das brennt sie nicht. Anders der Leser, der neben den Tatsachen auch ihr Erläuterung, zum Geschehen Stellungnahme, Aufdeckung der Ursachen, Wegweisung für das Morgen will. Papiernot! Schon das aus aller Welt einlaufende sachliche Material muß in den Redaktionen siebenmal gesiebt werden. Der geschätzt Leser würde sich wundern, wenn er wüßte, welche Menge von Berichten ihm vorenthalten werden muß, wie viele Einläufe, die mit ernster Mühe geschrieben und kostspielig telegraphiert wurden, von erbarmungsloser Hand in den Papierkorb gefeuert werden.

          Man erinnere sich, wie vor Zeiten ein Eisenbahnunglück, ein Streik, ein Krawall, eine Feier, ein Kongreß die Zeitungen sofort zur Entsendung von Sonderberichterstattern veranlaßte! Das geht längst nicht mehr, nur das Gerippe der Ereignisse, z.B. in Oberschlesien, in Düsseldorf, Berlin, im Ruhrrevier usw., läßt sich kurz skizzieren, geschweige denn, daß die in dieser Zeit für Deutschland so unendlich wichtigen Vorgänge im Ausland mit der Ausführlichkeit behandelt werden könnten, die ihnen gebührte. Die großen Blätter lassen es sich selbstverständlich angelegen sein, in ihrem Reservoir alles aufzufangen, was in diesen Schicksalstagen in der Welt sich begibt, aber sie kämen mit der zehnfachen Papiermenge nicht aus wollten sie alle Vorgänge auf dem Welttheater, jede Rede eines Staatsmannes, jeden Kongreß, jede parlamentarische Verhandlung, jeden feindlichen, freundlichen oder neutralen Stimmenruf phonographisch genau festhalten und in seinen Wirkungsmöglichkeiten kommentieren. Nie erlebte die Menschheit stärkere Zuckungen, niemals waren die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Völker tiefgreifenderen Veränderungen unterworfen – Schuld der Presse ist es nicht, wenn sie das gewaltige Geschehen nicht mit den letzten Feinheiten spiegelt und beleuchtet. Papiernot.

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          Das Hemd ist uns näher als der Rock. Die Notwendigkeit, bestimmte Themata immer wieder zu behandeln, bis ein praktischer Erfolg erzielt ist, zwingt uns, Schönheitsfehler in der Stoffanordnung zu machen, gewisse Materien überwiegen zu lassen, die den galligen Leser verdrießen. Er bedenke gütigst, daß manche Dinge, die ihn angehn, dreimal gesagt werden müssen: die Wirkungen der Hungerblockade können nicht oft genug dargestellt werden, das Verlangen, unsere Armen Kriegsgefangenen aus der Frohn erlöst zu sehen, muß immer wieder gestellt, der Rechtsfriede immer aufs neue gefordert werden. Angesichts solcher Dringlichkeiten muß die Erörterung kultureller und rein geistiger Fragen notleiden.

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