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Frankfurter Zeitung 16.09.1918 : Die Friedensnote aus Österreich-Ungarn

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Die Wirkungen des Kaiserbriefes an den Prinzen Sixtus waren gewiß für die Wiener Regierung nicht ermutigend. Von außen her war es eine Ablehnung, die freilich nachträglich auch in der Entente zu Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen geführt hat, die aber für den Briefschreiber eine peinliche Enttäuschung gewesen sein muß. Daß das Bekanntwerden des Briefes mit seinen bestrittenen, auf jeden Fall aber sehr unangenehmen Einzelheiten innerhalb des mitteleuropäischen Bundes ein Mittel gewesen wäre, um dessen oft gerühmte Festigkeit und Herzlichkeit zu erweisen, wird vermutlich nirgends behauptet werden wollen.

Sorgen, die nicht verschwiegen werden dürfen

Nun muß natürlich das Mißlingen jener „Extratour“ noch nicht notwendig den gleichen oder einen ähnlichen Mißerfolg haben. Es ist sogar anzunehmen, daß die Entente, belehrt durch ihre eigenen nachträglichen Mißhelligkeiten versuchen wird, auf Oesterreich-Ungarn in dem Sinne einer Trennung seines Bundesverhältnisses einzuwirken, ein Unterfangen, das bei der Treue und Zuverlässigkeit unseres Bundesgenossen von vornherein zum Mißlingen verurteilt wäre oder daß sie sonst bemüht sein wird, wenigstens vor den Augen der Welt einen günstigen Eindruck zu machen, wenn sie sich davon etwas verspricht. Daß aber den Staatsmännern der Entente ein wirkliches Eingehen auf einen Beständigungsfrieden im gegenwärtigen Augenblick nicht sehr leicht sein wird, sieht man jeden Tag aus den Stimmen der Presse und Reden verantwortlicher Minister. Wir wissen es auch aus sehr zuverlässigen Mitteilungen von friedensfreundlicher neutraler Seite, daß die Friedensfreunde in England selbst die jetzige Stimmung wenigstens in England für ganz und gar ungeeignet halten, eine Bewegung im Sinne eines Verständigungsfriedens zu ermutigen. Dagegen halten wir es nicht für ausgeschlossen, daß die Hybris der Ententeregierungen sie zu dem Wahne treibt, das österreichische Angebot sei im Grund nichts anderes als der Vorbote einer Kapitulation des Vierbundes, der lediglich in dem Sinne zu behandeln sei, wie das Verlangen einer niedergekämpften Festungsbesatzung nach freien Abzug. Bei der sanguinischen Denkweise der Ententenminister liegt diese Möglichkeit gar nicht weit ab.

Wäre dem aber so, dann würde man dort nach dem Wort: „Was fällt, das soll man auch noch stoßen“, erst recht auf eine scharfe Fortsetzung des Krieges hindrängen, während vielleicht ein paar Monate später, wenn sich herausgestellt hätte, daß auch die feindliche Offensive nicht zu den erwarteten sofortigen Erfolge führen kann, und wenn auch den verantwortlichen Staatsmännern in England das Bedenkliche ihrer Lage gegenüber Amerika noch deutlicher geworden sein wird, eine Anregung wie die des Herrn Burian einen empfänglicheren Boden gefunden hätte. Wir haben erst in unsrem Leitartikel am Samstag auf die Wichtigkeit hingewiesen, die in der Wahrnehmung des richtigen psychologischen Moments und der Beobachtung der Aufundab-Bewegung der Stimmungen für die Anbahnung des Friedens liegt.

Das sind Sorgen, die nicht verschwiegen werden dürfen, will man eine richtige Einschätzung des Wiener Friedensschrittes in der Oeffentlichkeit ermöglichen und nicht Illusionen groß werden lassen, deren Nachgeschmack bitter werden könnte. Mit der Würdigung des Friedensschrittes selbst und den lebhaften Wünschen für sein Gelingen hat das nichts zu tun. Ohne den Mut einer idealen Gesinnung ist ein solcher Schritt nicht zu denken. Und es gehört Mut dazu, den englischen Ersten Minister nach seiner Rede, in der er wieder die Niederwerfung Deutschlands und den Kampf bis zum Siege ankündigt, zu Verhandlungen über einen Verständigungsfrieden einzuladen. Den Gewinn wird der Schritt auf alle Fälle bringen, daß er die Entente zwingt, offen Farbe zu bekennen. Das wäre freilich nicht viel, aber unsere Wünsche sind eins mit denen der großen Mehrheit der Völker, daß die Anregung des Grafen Burian dazu beitragen möge, die Hindernisse wegzuräumen, die den Weg zu einem dauernden Völkerfrieden sperren.

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 18. September 2018.

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