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Frankfurter Zeitung 06.12.1914 : Die Lage am Nikolaustag

Deutsche Soldaten im nordfranzösischen Argonnenwald, aufgenommen im Dezember 1914 Bild: Picture-Alliance

Am ersten Nikolaustag des Weltkriegs sind die Fronten in Europa weitgehend erstarrt. Die Frankfurter Zeitung bilanziert am 6. Dezember 1914 die Gesamtlage - und gibt sich zuversichtlich.

          Die vergangene Woche hat nach der Angabe der deutschen Tagesberichte auf dem westlichen Kriegsschauplatz keine Veränderung der Gesamtlage gebracht und die sorgfältig in dem kleinsten Detailkram herumstöbernden Bulletins des französischen Kriegsministeriums wußten auch nichts Bemerkenswertes von den Einzelvorgängen zu erzählen. Kanonaden und wieder Kanonaden, teils ernst gemeint, teils nur als Deckgeräusch; zuweilen auch hier oder dort ein Infanterieangriff, der beiden Parteien eine brauchbare Häusergruppe oder auch einen kleinen Ort in den Besitz brachte. Das war das Bild der amtlichen Meldungen. Nur die Explosion im Argonnenwald machte sich lauter bemerkbar; sie war wohl den Franzosen recht unbequem. Gerade dort in dem Waldgebirge hörte die Arbeit niemals auf. Wir zeigten neulich an Hand einer Karte, was dort noch zu schaffen ist; unsere Tagesberichte versichern, daß es weiter voran gehe.

          Der Gesamteindruck unserer Lage im Westen aber ist der: die ungeheure Sperre hat sich trefflich bewährt, die mit Wall und Graben den Nordosten Frankreichs von seiner Hauptstadt abschneidet und ganz Belgien bis auf das kleine Fleckchen Erde um Ypern, das von fremden Leuten so zäh verteidigt wird, für uns abzäunt, so daß wir, wie im Frieden, unser Verwaltungssystem zu Nutz und Frommen dieses Pfades, das wir zu Händen haben, über das wüste, zertretene Land ausbreiten konnten. Gestützt auf diese neue Grenze geht die Arbeit weiter. In allen erdenklichen Variationen diskutiert man im Lager unserer Feinde, bei den neutralen Zuschauern und schließlich auch bei uns selbst, was nun kommen werde. Man überbietet sich mit Gerüchten über neue Schlachten, drohende Ueberfälle und erstaunliche Truppenverschiebungen. Eine Auslese aus diesem Wortschwall haben wir in unseren Telegrammen unseren Lesern zur Kenntnis gegeben. Aus allen Aueßerungen, von denen man hörte, ging hervor, daß unsere Feinde – wohl nicht nur das große Publikum – im Finstern umhertappen. Das lehrt uns, daß die verschleiernde Taktik unserer Heeresleitung den besten Erfolg hat. Nur soviel sieht man allmählich draußen ein, daß wir den Wall in Frankreich nicht aufgeworfen haben, um wieder davonzulaufen.

          Es mehren sich die warnenden Stimmen bei unseren Feinden; man erkennt, daß unsere Reserven an Mannschaft, Material und Geld und schließlich auch an Mut und Energie noch ungeheuer groß sind. Ja, man begreift sogar allmählich, daß der Weg von der Defensive zum Angriff – und damit zur Vertreibung des Feindes aus dem eigenen Land – unendlich schwer ist. Das sind die Erwägungen unserer Gegner. Für uns gibt es nur den einen Gedanken: wann führen wir den letzten, entscheidenden Schlag gegen den Feind, den wir schon weit über seine Grenze geworfen haben? Die Antwort überlassen wir mit dem alten festen Vertrauen unseren Heerführern. Daß auch die letzte Woche im Westen nicht nutzlos vergeudet wurde, daß sie, sogar über die Erfordernisse des Zweifrontenkriegs hinaus ihren guten Sinn gehabt hat, daran zweifeln wohl wir alle nicht.

          Der heutige Tagesbericht erwähnt einen Angriff im Süden von Metz und bei Altkirch im Sundgau. Wir zeigten kürzlich, als wir die Karte von Verdun gaben, daß ein Offensivzipfel der Franzosen bei Pont à Mousson gegen die Grenze in der Richtung auf Metz gerichtet ist. Wir sagten damals schon, daß diese Stellung angesichts der großartigen deutschen Festung eine aussichtlose Demonstration sei. Sie dürfe nicht einmal als Flankierung gegen unsere Positionen in der Woevre Belang haben. Aehnlich ist die verstärkte Aktion der Franzosen im Sundgau zu beurteilen. Sie hat vielleicht mehr Wert für die Stimmung in Paris, als für die strategische Lage, für die sie, selbst wenn der Vorstoß nicht zurückgeschlagen worden wäre, keine Bedeutung hätte gewinnen können. In Paris wird man natürlich immer befriedigt sein, wenn ausnahmsweise ein deutscher Ortsname in den Kriegsberichten auftritt.

          Von der großen Schlacht in Polen geben die amtlichen Berichte nur ganz knappe Meldungen; selbst die meist redseligen Russen begnügen sich in den letzten Tagen, nachdem ihre vorzeitigen Siegesberichte durch wuchtige Tatsachen widerlegt wurden, mit kurzen Andeutungen über den Krampfraum. An diese Kürze hat sich das deutsche Volk längst gewöhnt. Es weiß dafür, daß jedes Wort der amtlichen Berichte unumstößliche Wahrheiten enthält. Wenn daher gestern die Entwicklung unserer Offensivbewegung in Polen als „normal“ und heute wiederum als „regelrecht“ bezeichnet wird, so wissen wir, daß es vorwärts geht, daß der Plan der östlichen Heeresleitung seiner Verwirklichung entgegengeht. Der Charakter der großen Kämpfe in Polen bedingt eine weit strengere Geheimhaltung aller Vorgänge als im Westen. Wir werden daher über die Einzelheiten der jetzigen Operationen vermutlich erst dann wieder Aufschluß erhalten, wenn ein gewisser Abschnitt als abgeschlossen gelten kann. Die Dämpfung, die der russische Generalstab sich selber auferlegt, bietet uns die beste Gewähr dafür, daß die Entscheidung günstig ausfallen wird.

          An der ostpreußischen Grenze kam es auch gestern nur zu kleineren Unternehmungen, obwohl nach französischen Berichten die Russen dort mit starken Kräften einen Durchbruch versuchen wollen. Die Kraft dazu geht ihnen aber ab. An den starken Verteidigungswerken, die zwischen die Seen und östlich davon angelegt wurden, wird sich der russische Angriff verbluten. Die Verluste unseres Gegners an Gefangenen sind bei solchen Unternehmungen immer wieder auffällig groß. Auch gestern konnten 1200 Russen eingebracht werden.

          Großés Hauptquartier, 5. Dezbr. vorm. (W. B. Amtlich.)

          In Flandern und südlich Metz wurden gestern französische Angriffe abgewiesen.
          Bei La Baffée, im Argonnenwald und in der Gegend südwestlich Altkirch machten unsere Truppen Fortschritte. Bei den Kämpfen östlich der masurischen Seen ist die Lage günstig; kleinere Unternehmungen brachten dort 1200 Gefangene.
          In Polen verlaufen unsere Operationen regelrecht.

          Oberste Heeresleitung

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